Michael Schultz Daily News Nr. 852

Michael Schultz Daily News Nr. 852

Berlin, den 20. Januar 2015

wenn montags in Dresden mal nicht demonstriert werden darf, zeigt sich in unserem Land, dass eine überwältigende Mehrheit Werte wie Toleranz und Menschenwürde als hohes Gut betrachtet. Und das ist gut so. Überall dort wo man gestern Abend auf die Straße ging, gab es überwältigende Mehrheiten bei den sogenannten Gegendemos. Insgesamt waren es wohl rund 50.000 Friedliebende, denen kaum nennenswerte 'Pegida'-Ableger gegenüberstanden. In München beispielsweise kamen zur Anti-'Pegida'-Demonstration 12.000 Teilnehmer, während die 'Mügida' gerade mal 800 auf die Beine brachte. Nur wenige tausend Anhänger der 'Pegida'-Ableger waren zum Demonstrieren bereit. Die 'Bewegung' bröckelt auseinander, und auch das ist gut so.

Das Verbot aller Demos gestern in Dresden beschäftigt die Politiker. Durchweg aus allen Parteien wurde die Entscheidung des Dresdner Ordnungsamtes kritisiert; die Meinungsfreiheit gilt als grundgesetzlich geschütztes hohes Gut, und das gilt es zu verteidigen. Mit dem Verbot werden diejenigen, die mit dem Feuer spielen zu Opfern, und das kann es ja auch nicht sein. Genaues darüber, was nun der wirkliche Grund für die Absagen ist, wird 'aus taktischen Erwägungen' ('Pegida'-Vorstand Bachmann) nicht verraten.

Zum Schutz des eigenen Lebens arbeitet man neuerdings mit dem sonst so unfähigen Staat zusammen, stellt sich der 'Lügenpresse' und spricht gar darüber, dass man sich gut vorstellen kann künftig am Montagabend mal wieder 'Skat zu spielen' anstatt auf die Straße zu gehen. Auf einer Pressekonferenz wird erklärt, dass 'Pegida' keinen ausländerfeindlichen Hintergrund habe. 'Wir können mit solchen Aussagen, rassistisch, ausländerfeindlich und Islamhasser, nicht leben, dafür stehen wir nicht', sagte die Co-Vorsitzende Oertel. Lutz Bachmann baut vor und ergänzt: 'Es wird, und da brauchen wir uns nichts vormachen, auch in Zukunft fremdenfeindliche Menschen geben, die bei 'Pegida' mitlaufen'.

In unseren christlichen Religionen, und das ist jetzt stark verkürzt, verkörpert das Abbild von Jesus Christus das Bildnis Gottes. In jeder Kirche, in vielen Schulen  und  Haushalten hängt das Kreuz mit dem Märtyrer. In gewissem Sinne gilt es als Ersatzhandlung für die im Zweiten der Zehn Gebote ausgesprochene Bitte, sich von Gott kein Bildnis zu machen. Auch der Papst, als ein selbsternannter Stellvertreter Gottes, verkörpert und verbildlicht diesen. Unlängst haben ihm 6 Millionen Menschen auf den Philippinen gehuldigt. 

Die Darstellung des Propheten Mohammed hingegen gilt im Islam als Gotteslästerung, auf die besonders die stark im Glauben Verwurzelten entsetzt reagieren. Im Koran selbst finden sich keine direkten Hinweise auf ein solches Verbot; dieses hat sich im Laufe der Jahrhunderte dort eingenistet und ist heute weitverbreitetes und gültiges Glaubensrecht. Karikaturen, in denen der Prophet erscheint, und die in der westlichen Welt veröffentlicht wurden, verletzen und beleidigen die Gläubigen. In der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gingen viele hunderttausend Gläubige auf die Straße, um gegen diese Verunglimpfungen zu protestieren. Der Protest richtete sich im Besonderen gegen 'Charlie Hebdo', er ist gleichzeitig aber auch ein eindeutiges Glaubensbekenntnis islamischer Gläubiger.  

Hier sind es sechs Millionen, die für den Papst auf die Straße gehen, dort ist es eine knappe Million, die für den Propheten und seine Werte demonstrieren. Die Religionsanhänger mobilisieren sich wie nie zuvor. Zu hoffen bleibt, dass die Toleranz dabei nicht auf der Strecke bleibt. Gewiss ein hochkomplizierter Wunsch. Abhilfe schaffen Aufmärsche, an denen Christen wie Muslime Hand in Hand für eine friedliche Welt stehen.

'Pegida' wird bald Geschichte sein, das steht fest. Die Anführer suchen das Establishment, in dem sie bald untergehen. Einzig Gutes an der Bewegung sind die vielen Gegenaufmärsche der Friedliebenden.