Michael Schultz Daily News Nr. 851

Michael Schultz Daily News Nr. 851

Berlin, den 19. Januar 2015
 
Liebe Freunde,
 
mit großer Spannung wurde gestern Abend der erste große mediale Auftritt der Dresdener Pegida Frontfrau, Kathrin Oertel, bei Günther Jauch erwartet. Mit in der Runde der AfD-salonbraune Alexander Gauland, Wolfgang Thierse (SPD), Jens Spahn von der CDU und der Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter. Alle Beteiligten, außer der Mann von der AfD, boten der bescheiden auftretenden Pegida Organisatorin mitsamt ihren 20.000 Followern tiefgreifende Gespräche an. Auf die Frage, was denn mit den Demonstrationen geschehen würde, wenn die Bewegung Gehör fände, wich sie mehrmals aus und sagte am Ende nichts- und trotzdem vielsagend: 'Wir machen weiter'.
 
Ruhig und sachlich, gar sanft, wurde auf die Protestführerin eingeredet; 'Demokratie braucht Zeit' (Thierse), 'nutzen sie die Sprechzeiten ihrer Abgeordneten' (Spohn) und 'wir müssen miteinander reden' (Ritter). Doch es half nichts, und es ist wohl auch gar nicht weiter angestrebt: Jede weitere öffentliche Auseinandersetzung nimmt der Bewegung Antrieb und Motivation. Solange die Frustrierten kein Gehör fanden, und das ja auch gar nicht wollten, fühlten sie sich in der Masse geborgen und unantastbar. Mit dem Fernsehauftritt ihrer Frontfrau, im Herzen der 'Lügenpresse', wird den Einpeitschern ein schlagendes Instrument genommen. Die Frontlinie ist aufgeweicht, und das ist das einzig Gute an der Jauch Sendung.
 
Die entscheidende Antwort lieferte die Pegida Dame auf die Frage, warum denn ausgerechnet in Dresden, wo es so gut wie keine Islamanhänger gibt, gegen die Islamisierung des Abendlandes protestiert wird: 'Wir protestieren bei uns ja auch gegen die Abholzung des Regenwaldes, obwohl es bei uns gar keinen gibt'. Das steht für sich, jede weitere Kommentierung erübrigt sich. 
 
Wegen einer Morddrohung gegen ihren Kampfgenossen und Mitorganisator, Lutz Bachmann, wurde die für heute geplante Demo von der Polizei verboten. Angeblich haben befreundete Geheimdienste die Planung eines Attentats aus dem Äther gefischt. Andere Stimmen vermuten dahinter einen geschickten Schachzug unserer Geheimdienste, denn schließlich werde Pegida von Moskau aus finanziert und organisiert. Hoch-Zeit für Verschwörungstheoretiker. Dresden kommt heute endlich mal zur Ruhe, und das ist so schlecht nicht.

 

Erfreulich an allem, was gerade so bei uns im Lande geschieht, ist die Tatsache, dass sich die Kunstgemeinde von der angeblichen Spaltung der Gesellschaft nicht groß irritieren lässt. Man rückt näher zusammen, diskutiert (auch kontrovers) und steht für die uneingeschränkte, aber auch respektvolle Freiheit der Künste. Die Eröffnungen der Ausstellungen werden augenblicklich stärker besucht als jemals zuvor; in Coburg (Foto) gab es zur Doppelvernissage von SEO und Bernd Kirschner keine freien Plätze mehr. Zur Ausstellungseröffnung von Helge Leiberg in Augsburg (Galerie Noah) kamen weit über 250 Besucher, und am letzten Tag der Ausstellungen von Andy Denzler und SEO im Koblenzer Ludwig Museum gab es regen Besuch. Erfreuliche Hinweise, die darauf hindeuten, dass trotz allem Unbill der freie Geist der Kunst in den Köpfen unserer Gesellschaft ganz tief verankert ist. 
 
 

 

 

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