Michael Schultz Daily News Nr. 846/47/48

Michael Schultz Daily News Nr. 846/47/48

Berlin, den 15. Januar 2015

ganz kurz vor Weihnachten wandte sich der Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG) per Rundschreiben an seine Mitglieder, um ihnen mitzuteilen, dass der geplante Mehrwertsteuerkompromiss mit den Länderfinanzministern nicht zu machen ist. Eine einheitliche Anwendungsverordnung kam nicht zustande, damit gilt seit dem 1. Januar des vergangenen Jahres auch für Kunst der volle Steuersatz. Ein Dilemma für die gesamte Branche; wir berichteten darüber.

Die Aufregung ist groß, nicht wenige Verbandsmitglieder fühlen sich nicht mehr standesgemäß vertreten. Schon wird laut darüber nachgedacht, einen professionellen Lobbyisten mit Macht und finanziellen Mitteln auszustatten, damit dieser die per Gesetz beschlossene Ersatzregelung auch auf den Weg bringt.

Ohnehin ist es ein Unding, dass ein beschlossenes Bundesgesetz nicht in Kraft treten kann, wenn auch nur ein Bundesland einer einheitlichen Gesetzesanwendung nicht zustimmt. Die Verbandsoberen hoffen auch nach der Pleite noch auf ein Einlenken; doch Hoffnung alleine wird es wohl nicht richten. Gespannt verfolgen wir die internen Auseinandersetzungen, vor allem aber ob es gelingen wird, künftig die Interessen des Elitevereins ergebnisorientierter zu vertreten. 

Weil sie das Drama auf sich zukommen sahen, haben sich einige Galerien an geltendes Recht gehalten, und ihre Geschäfte mit Beginn des vergangenen Jahres auf den vollen Steuersatz umgestellt. Nicht selten zu ihrem eigenen Nachteil. Diejenigen, die blauäugig einer Empfehlung des Verbandes gefolgt sind und nach einem Ausgleichsmodell versteuert haben, werden jetzt zur Kasse gebeten, und haben ein unsägliches Kuddelmuddel in ihren Büchern zu bereinigen. Schadenfreude ist jetzt nicht angebracht; der Verband muss über seine Repräsentanten nachdenken. Schnellstens.

 

                                      Helge Leiberg, Das Gelobte Land, 2007, Acryl auf Leinwand, 250 x 600 cm (Diptychon)

Unter dem Ausstellungstitel 'Tanzrausch' eröffnet heute Abend die in Augsburg ansässige Galerie Noah eine Einzelausstellung von Helge Leiberg. Zur Ausstellung wurde ein kleines Interview veröffentlicht, welches wir hier in Gänze wiedergeben:

Herr Leiberg, Sie haben 2008 zuletzt bei uns ausgestellt. Was hat sich seither gestalterisch getan?
Helge Leiberg: 'Ich verwende mehr Farbe als Steigerung einer differenzierten, lebensfrohen Ausdruckskraft. Ich male nicht mehr in Bewegungsserien, sondern fokussiere meine Inhalte auf einzelne Szenen. Mein Thema ist die Spannung im menschlichen Dasein, ich male Menschen, die eingeengt sind, sich im Kreis bewegen oder im Dreieck springen.'
Die Gliedmaße Ihrer Figuren werden immer länger.
Helge Leiberg: 'Ja, das ist so, meine Figuren werden immer noch dünner. Das nehme ich mir nicht vor, das passiert von alleine, ist der normale künstlerische Prozess, in dem ich mich befinde.'
Im 'Tanzrausch', so auch der Titel unserer Ausstellung, sind Ihre Darsteller. Was hat Sie dazu inspiriert? 
Helge Leiberg: 'Mein ständiger Begleiter ist die Musik aus der elektrischen Phase von Miles Davis und John Zorn mit der Band 'Pain Killer'. Da mache ich richtig laut, das inspiriert mich ungemein! Auch meine eigene Musik mit Penck höre ich immer wieder..free rock.das rockt. Ich spiele Trompete und Penck singt und spielt Klavier oder Schlagzeug. Unsere Musik ist nicht austauschbar, sie ist authentisch!'
Wenn Sie an Augsburg denken, was kommt Ihnen in den Sinn?
Helge Leiberg: 'Natürlich erst mal Brecht und die Fugger und ein bisschen Geschichte. Aber dann auch gleich der Glaspalast, ein tolles Gebäude, großartige Architektur, das Konzept gefällt mir, ein lebendiger Ort mit Restaurant, Ballettschule und dem KUNSTMUSEUM WALTER - Klasse!' Eröffnung heute Abend zwischen 19 und 21 Uhr. Galerie Noah, Beim Glaspalast 1, 86153 Augsburg, bis zum 1. März 2015
Die derzeit in Brasilien gezeigte Leiberg-Ausstellung "Horizontbeobachter" wandert weiter, und wird im März im Museum für Zeitgenössiche Kunst in Santiago de Chile eröffnet.  Genaueres später.

                                                                                                             Andy Denzler im Ludwig Museum Koblenz

Bis kommenden Sonntag besteht noch die Möglichkeit, die beiden Einzelausstellungen von Andy Denzler und SEO im angesagten Ludwigmuseum in Koblenz zu besichtigen. Zwei eindrucksvolle und ungewöhnliche Inszenierungen, deren Besuch wir ausdrücklich empfehlen können. (Di-Sa 10:30 - 17 Uhr, So 11 - 18 Uhr, Danziger Freiheit 1, 56068 Koblenz, bis 18. Januar). Auf der Internetseite von 'Portal Kunstgeschichte' ist dieser Tage eine interessante Besprechung der beiden Koblenzer Ausstellungen erschienen. Nachzulesen im Newsticker auf unserer Webseite: www.schultzberlin.com

 

                                                      Bernd Kirschner, Tales from Nowhere, 2014, Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm

Am Samstag dieser Woche eröffnet der in Coburg ansässige Kunstverein jeweils eine Soloshow von Bernd Kirschner und SEO. In Bernd Kirschners 'Erinnerung an Nirgendwo' wurde eine aussagefähige Zusammenstellung aktueller Malerei zusammengestellt. SEOs Ausstellung 'Der lange Weg zurück' hingegen, ist eher retrospektiv angelegt, mit Schwerpunkt auf ihre abstrakte Periode. Beide Künstler werden zur Eröffnung anwesend sein; die Eröffnungsrede wird ausnahmsweise mal von mir gehalten. Das Projekt kam mit Unterstützung von dort ansässigen Sammlern zustande; eine Geste für die wir uns bedanken, die wir uns aber auch gerne mal öfter wünschen. Die Eröffnung findet am Samstag um 16 Uhr statt; Park 4, 96450 Coburg, bis 22. Februar.

Interessante Erläuterungen gab es gestern auf unser 'nicht dafür'. Aus Bielefeld erreichte uns fogendes:

Was nun die Höflichkeitsformen anbetrifft, sehen Sie das vielleicht ein bißchen zu streng. Ich bin in Süd- und Nordbaden aufgewachsen und lebe nun, ursprünglich aus beruflichen Gründen (ich bin seit 5 Jahren in Rente), seit über 25 Jahren in Ostwestfalen, in Bielefeld. Ich habe mich bis heute nicht wirklich an die Mentalität der Westfalen gewöhnen können (die Schwaben sind auch stur, aber sie sind freundlich stur, die Westfalen sind dagegen unfreundlich stur. Was bitte nicht ganz wörtlich genommen werden darf).  Hier (also in Westfalen) antwortet man auf Danke mit "nichts für" und zwar prinzipiell bei allen Gelegenheiten und das ist durchaus höflich gemeint. Für mich bedeutet das auf Hochdeutsch "keine Ursache", was meiner Ansicht nach eine andere Form für "das ist gerne geschehen" darstellt. Im Französischen ist das übrigens ähnlich: auf das "Danke" antwortet ein sehr höflicher Franzose "je vous empries" ((aber) ich bitte Sie), ein "normaler" Franzose "de rien" (für nichts), was alles im Sinne "man muß sich für nichts bedanken, das habe ich gerne gemacht" geäußert wird. Vielleicht ist das von Ihnen wiedergegebene "nicht dafür" nur eine falsche "Übersetzung" des dialektalen "nichts für".

Ganz anderer Ansicht ist ein Kollege aus Berlin, der dazu folgendes feststellt: 

"nicht dafür" ist eigentlich nur ein Äquivalent zum perfekt höflichen "don't mention it" der Angeln und Sachsen, aber vor allem ein flachlandtirolerisches Missverständnis: Es kommt von der Küste und heisst im Original: "Da nich für" ( mit "nich", ohne t). Das "a" ist ein dunkles a, fast schon ein "o".

Jetzt sind wir endlich schlauer, genau wissen tun wir's aber immer noch nicht. Der Ausspruch wird deshalb auch nicht besser - woher er auch immer abstammt.

                                                                                                                                                                Donaukurier

Aus dem konservativen Starnberg wird gemeldet, dass der Bahnhofskiosk seit gestern eine Bestelliste für 'Charlie Hebdo' ausliegen hat. Bravo. Die obige Karikatur zum Thema wurde uns aus Wien zugeführt; erschienen war diese im Donaukurier. Auch für diese Info: besten Dank.

Zum Schluss unserer heutigen Triplenummer (notwendig wegen der Tagesnummerierung) noch ein kleines Schmankerl aus dem Bioladen: per Flyer bewirbt ein selbsternannter 'Seelenschmelzer' dort seine Dienste, und verspricht neben der Seelenmassage (Heilschlaf und Ganzköpermassage) das Verschmelzen von Körper, Herz und Seele zu einer ursprünglichen Einheit. Wem das zu wenig bringt, der kann in einem 'Schamanischen Happening' included Dämonenfütterung eine 'Seelenverlust-Rückholung' erleben. Tja, Geschäftsmodelle gibt es - man muss nur Ideen haben. (www.prakash.at)

Morgen geht es nochmal doppelt weiter, am Montag wieder single wie immer, und dann passt die mit den Wochentagen abgestimmte Nummerierung wieder.