Michael Schultz Daily News Nr. 845

Michael Schultz Daily News Nr. 845

Berlin, den 14. Januar 2015

im Alltag erlebte Höflichkeit bereichert nicht nur unsere Sinne, manchmal hilft sie uns auch über den Tag. Ein kurzes 'Danke' kann Wunder bewirken; das wissen wir. Wenn dem dann auch das ebenso höfliche 'gerne' folgt, ist der Austausch perfekt. Im Kleinen wie im Großen praktizieren wir dieses respektvolle Hin und Her, die Könner unter uns setzen es gar für Selbstverständliches ein. Gepflegt wird dieser Brauch auch von unserem Nachwuchs; nicht selten lesen wir daran die Qualität ihrer Kinderstube ab.  

Neuerdings, und das auch leider immer öfter, wird auf eine Bedankung mit der Floskel 'nicht dafür' geantwortet. Wird einem beispielsweise die Autotür geöffnet, oder beim Ausparken aus der Parklücke geholfen; der Vortritt im Fahrstuhl gelassen oder  die Einkaufstüten nach Hause getragen, und man bedankt sich dafür, kommt immer mehr das 'nicht dafür'. Erschrocken reagieren wir darauf, fragen 'wie bitte', und nach der Wiederholung sind wir konsterniert. Wenn ihnen ihr eigener Spruch zu Ohren käme, wären dies  die Floskelanwender sicherlich auch. Unser Alltag besteht nun mal aus vielen, vielen Kleinigkeiten, die es zu bewältigen gibt, nicht immer benötigen wir dazu Hilfe, aber wenn sie dann angeboten wird, sind wir dankbar. 

'Nicht dafür' kann auch als Anspruchshaltung interpretiert werden. Alles wofür kein Dank erwartet wird ist sozusagen kostenlos, was darüber hinausgeht muss honoriert werden, und sei es mit einer ganz besonderen Bedankung. Irgendwie hat man auch das Gefühl, das die Dankesablehner uns erziehen wollen. Sie entscheiden, wo Höflichkeit angebracht ist und wo nicht. Da kommt auch viel Macht mit ins Spiel: ich entscheide wofür ich Dank erwarte, ansonsten (bitte) Klappe halten.

Zu hoffen bleibt, dass dieser neue Umgangstrend eine kurze Zeiterscheinung bleibt, und die Könner unter uns sich mit ihrer altbackenen Bedankung auch weiterhin durchsetzen. Die ganz Höflichen reagieren womöglich auf das 'nicht dafür' mit einem devoten 'gerne', und das geht überhaupt nicht. Dank ist die edelste Form der Anerkennung, und wer diesen ablehnt, hat wahrlich schlechte Manieren.  

Die öffentliche Diskussion über das Pariser Attentat und die Dresdner 'Pegida'- Bewegung bewegt auch uns. In der Vergangenheit haben wir einiges darüber geschrieben, und es gab reichlich Reaktion. Von einem deutlichen 'Bullshit' (wohl aus der rechten Ecke) bis hin zu völliger Zustimmung. Aus Zeitmangel können leider nicht alle Zuschriften beantwortet werden, und deshalb muss  an dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön ausgesprochen werden. Die Anteilnahme an unserem Diskurs belegt, dass wir mit Herz und Verstand gelesen werden.

Es geht uns nicht um Belehrung, sondern lediglich um Reflektion über für uns wichtige und relevante Themen. Eigene Widersprüche werden genauso offen ausgetragen, wie persönliche Betroffenheit. Und, natürlich kommen wir über eine Diskussion über mögliche Grenzen der Meinungsfreiheit nicht herum. Dort wo es Kunst ist, tolerieren wir einerseits die manchmal höhnenden und für Tiefgläubige verletzenden Äußerungen, im Besonderen über den Islam.  Wir gestatten 'Charlie Hebdo' blasphemisches über das Judentum, die Christen, über den Propheten, Buddha und weitere Gottheiten. Auf der anderen Seite lehnen wir die Kritiker der Gotteslästerung strikt ab. Darüber gilt es nachzudenken. Auch, und gerade unter dem Hinblick des brutalen Attentates.  

Wir sollten die Kritikfähigkeit des Islam unter die Lupe nehmen, und wenn erforderlich uns dabei etwas zurücknehmen. In unserer Gesellschaft sind dem ohnehin Grenzen gesetzt: im Paragraph 166 des Strafgesetzbuches, dem sogenannten 'Gotteslästerungsparagraphen' ist deutlich festgeschrieben, dass sich strafbar macht 'wer öffentlich ... den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.' Nicht unumstritten ist dieser Paragraph, immer wieder werden (so auch jetzt) Stimmen laut, ihn abzuschaffen.

Doch, noch ist er Bestandteil unserer Rechtsordnung und findet immer wieder Anwendung. Einzelne Islambeschimpfer wurden verurteilt, die Jecken aus Köln sogar mehrmals; ein Rentner, der Toilettenpapier mit dem Spruch 'Koran, der heilige Qur'an' bedrucken ließ, und eine Dame aus Göttingen, die auf Flugblättern christliche Kirchen als 'größte Verbrecherbanden' beschimpfte. Mit Hilfe des §166 wurde auf Anzeige des Bistums Trier im Jahre 1994 die Aufführung des Musicals 'Das Maria-Syndrom' untersagt. In ihm wird eine neuzeitliche 'Marie' durch eine verunreinigte Klobrille befruchtet. Das Verbot wurde im Verfahrensverlauf gar vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt; ohne Angaben von Gründen (Wikipedia) lehnte das Bundesverfassungsgericht eine weitere Behandlung ab.

An den Kiosken in Frankreich wurde heute früh die Nummer Eins nach dem Attentat von 'Charlie Hebdo' angeboten. Die Nachfrage ist enorm, vereinzelt haben sich sogar Schlangen gebildet. Der Titel ist mit einer Mohammed-Karikatur versehen, in der der Prophet sein Bekenntnis mit einem 'Je suis Charlie' deutlich zeigt. Darüber die Aussage 'Alles ist verziehen'. Doppeldeutig wie das neue Logo der Satirezeitschrift 'Charlie Hebdo - verantwortungsloses Magazin'. Ab Samstag wird es auch an deutschen Kiosken verkauft.  

Wo die Freiheit der Künste zum obersten Gut gesellschaftlicher Aufklärung gehört, dort sollte in Satire verpackte Kritik an religiösen Glaubensformen nicht Bestandteil gesetzlicher Regeln sein. Eine von Toleranz geprägte Gesellschaft muss das ertragen können. Tut es aber dort weh, wo sich Aufklärung und Toleranz noch nicht entwickeln konnten, müssen wir womöglich behutsam damit umgehen. Es ist ein schmaler Grat auf dem wir uns bewegen. Eine Rechtfertigung für die von religiösem Hass getragenen Mörder ist dies keinesfalls. Auch nicht für die menschenverachtende 'Pegida'-Ansammlung; nicht dafür.