Michael Schultz Daily News Nr. 843

Michael Schultz Daily News Nr. 843

Berlin, den 12. Januar 2015
 
Liebe Freunde,
 
viele Millionen Menschen gingen am vergangenen Wochenende auf die Straße, um den Opfern der Pariser Terroranschläge zu gedenken, aber auch um der französischen Bevölkerung Mitgefühl und Solidarität zu bekunden. In Frankreich alleine nahmen an die vier Millionen Menschen an den Solidaritätsmärschen teil, davon 1,5 Millionen in Paris. Das französische Volk rückte in seiner wohl schwersten Stunde der jüngeren Vergangenheit zusammen. Von Trauer schwer betroffen, aber ohne Hass. Mit ihnen liefen Arm in Arm über 50 Staats- und Regierungschefs durch Paris, auch Angela Merkel. Zuvor hatten Innenminister aus EU und den USA über den Kampf gegen den Terrorismus beraten.
 
In Berlin kamen rund 18.000 Menschen zum stillen Gedenken zusammen. Unter dem schrecklichen Geschehen in Paris, aber auch unter dem Gesichtspunkt der Pegida Bewegung rufen der Zentralrat der Muslime und die Türkische Gemeinde Berlin für diese Woche zur Mahnwache für Meinungs- und Religionsfreiheit auf. Zu einer zentralen Kundgebung hat die Kanzlerin ihr Erscheinen angekündigt.
 
Vergangen Samstag demonstrierten 35.000 (!) Dresdener für Toleranz und Menschlichkeit, für Weltoffenheit und eine bunte Gesellschaft in unserem Land. Angela Merkel war nicht dabei. Damit ließ sie eine einmalige Plattform ungenutzt, auf der sie dem deutschen Volk hätte erklären können, dass ein Großteil der Flüchtlinge, die es gerade in unser Land treibt, gar nicht hierher will und schon gar nicht hier bleiben will. Um ihr Leben zu schützen, haben sie gar keine andere Wahl. Sie entfliehen dem Tod, und wir wollen ihnen die Tür versperren.
 
So oder so ähnlich hätte sie das uns sagen können. Sie hätte uns Bilder über Hunger und Brutalität in den Heimatländern der Flüchtenden aufzeigen können. Sie hätte uns erklären können, dass sich die Entwurzelten nichts lieber wünschen als eine friedliche Existenz in ihren Herkunftsländern. Sie hätte uns von ihrer Bemühung für Frieden in der Heimat der Flüchtlinge erzählen können und vieles mehr.
 
Ganz sicherlich hätte sie ihr Volk erreicht und hätte Unabdingbares für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft mal 'von oben' deutlich aussprechen können. Doch diese Chance hat sie verpasst. Dafür war sie gestern in Paris und marschierte gemeinsam mit anderthalb Millionen Franzosen durch die Stadt. Die Bilder wurden in jeden Winkel der Erde gesendet. Gut möglich, dass das mitentscheidend für ihr Fernbleiben in Dresden war. Die Bilder von dort allerdings hätten uns erreicht; ein Solidarbeitrag für ihr eigenes Volk.
 
Noch sind die Toten nicht beerdigt, und schon beginnt die Diskussion über die Verschärfung der Gesetze. Bei Günter Jauch gestern Abend kündigte Innenminister De Maizière schärfere Gesetze an. Man müsse über die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung genau so reden wie über die Blockade des Europaparlaments zum Fluggastabkommen. In einem Leitartikel erklärt die 'Neue Zürcher Zeitung' zu solchen Bestrebungen: '...werden Polizeiaufgebote allein nicht ausreichen, um den Frieden in der Gesellschaft zu sichern, auch nicht technokratische Sozialprogramme. Die in einer Gesellschaft vorherrschende Stimmung wird durch die Bürger selbst geschaffen in alltäglichen Begegnungen und in der öffentlichen Debatte.‘
 
Wahre Worte, die hoffentlich zu mehr Tiefe in unserer Auseinandersetzung mit den Fremden in unserem Land führen.