Michael Schultz Daily News Nr. 842

Michael Schultz Daily News Nr. 842

Berlin, den 9. Januar 2015

der französische Schriftsteller Michel Houellebecq will seinen islamkritischen Roman 'Soumission' (Unterwerfung) vorübergehend nicht mehr bewerben, auch will er Paris verlassen. Er sei tief betroffen vom Tod seines Freundes Bernard Maris, der bei dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins 'Charlie Hebdo' getötet wurde. Der Anschlag wurde am Tag des Erscheinens des Buches verübt. Houellebecq beschreibt darin das Leben in Frankreich unter einem muslemischen Präsidenten. Das Satiremagazin hatte dazu eine Karikatur auf dem Titel veröffentlicht.

Zur Verteidigung der Pressefreiheit plant das im thüringischen Greiz beheimatete Satiremuseum 'Satiricum' eine Schau, in der ausschließlich Mohammed-Karikaturen gezeigt werden sollen. 'Wenn wir unsere Pressefreiheit verteidigen wollen, dann dürfen wir uns nicht ducken', sagte die Direktorin. Ähnlich äußerte sich die Chefin des Deutschen Museums für Karikatur und Zeichenkunst 'Wilhelm Busch' in Hannover. Sie könne sich eine Schau zur Frage 'Was darf Satire' vorstellen, in der auch die in Dänemark veröffentlichten Mohammed-Karikaturen zu sehen sein sollten. Die dänische Tageszeitung 'Jyllands-Posten' veröffentlichte im Jahr 2005 insgesamt 12 Mohammed-Karikaturen; als Folge dessen wurde später ein Brandanschlag auf das Redaktionsgebäude verübt.

Im aktuellen 'ARD'-Deutschlandtrend wurde nach dem Pariser Anschlag zum Verständnis für die 'Pegida'-Bewegung gefragt. 22 Prozent, und das ist ein minimaler Anstieg um 1%, zeigten Verständnis für die Sorge um eine Islamisierung des Abendlandes. Die Umfrage zeigt aber auch, dass das Verständnis für 'Pegida' steigt, je größer das subjektive Gefühl der Unsicherheit ist. Die rechtspopulistische AfD sucht immer offener Nähe zur Bewegung. Am Tag des Anschlages traf man sich mit 'Pegida'-Vertretern und verkündete anschließend, dass es enorme Schnittmengen zwischen den Demonstranten und der AfD gibt. Ein erster Schritt zur Vereinigung ist getan.

In derselben Umfrage wurde nach der Politikerzufriedenheit gefragt, dabei schlägt sich die Besonnenheit unseres Außenministers Walter Steinmeier (SPD) auch in Zahlen nieder.

Noch vor der Kanzlerin liegt er mit an der Spitze: 72 Prozent der Befragten sind mit seiner Politik zufrieden, bzw. sehr zufrieden; das sind zwei Prozent mehr als im Vormonat. Seiner Partei allerdings nutzt das recht wenig; wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären, käme die SDP auf magere 26%, die CDU auf 41%, Grüne auf 10, Linke auf 8 und die AfD käme auf 6% und wäre damit im Bundestag. 

Bekanntermaßen haben die Kunstschaffenden unter uns besonders feine Sensoren für gesellschaftliche Stimmungen. Sie reagieren oft schneller als unsere Politiker und tun dies mit mehr Emotion. Ihre Sensibilität verschafft uns Zugang zu Gedanken, auf die wir ohne Hilfe nur schwerlich kommen würden. Es sind die Umwege und Umkehrungen, die uns die Augen öffnen. Sabina Sakoh reagiert mit feinem Gespür recht aktuell auf Geschehenes:    
In ihrem 'Lichtbringer' mahnt sie Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit für alle Menschen an. Finsternis bedeutet für sie Fanatismus und Rassismus. Ein wahres Statement zur rechten Zeit.

Positives gibt es aus Dresden zu vermelden. Die sächsische Landeshauptstadt bewirbt sich für 2025 für die Nominierung zur europäischen Kulturhauptstadt. Mit ihrer kulturhistorischen Vergangenheit und der Entwicklung in der Gegenwart könne die Stadt 'ein würdiger Vertreter Deutschlands sein', sagte Oberbürgermeisterin Orosz zum Auftakt der Bewerbung. Auch das ein klares Bekenntnis im richtigen Augenblick. Mit Semperoper, Staatskapelle, Musikfestspielen, den staatlichen Kunstsammlungen gibt es bereits international renommierte Kulturmarken, die in den nächsten Jahren mit dem Kulturpalast und einem Theater und Kunstzentrum im alten Kraftwerk ergänzt werden. Mit allem was es zu bieten hat, stemmt sich Dresden gegen den menschenverachtenden Geist und die Intoleranzstimmung, die aus den Montagsdemonstrationen derzeit in jeden Winkel der Erde verbreitet werden. 

Noch sind die Täter aus Paris nicht gefasst. Hoffen wir, dass das bald geschieht. Von der Polizei wurden sie entdeckt, sie halten sich mit einer Geisel in einer Fabrik östlich von Paris verschanzt. Das Versteck der Terroristen steht kurz vor der Erstürmung. Zu hoffen bleibt, dass mit der Aufarbeitung ihrer Motive bei uns eine offene Diskussion über die religiösen Inhalte des Islam entsteht. Je mehr wir von ihm wissen, desto differenzierter gehen wir mit ihm um.