Michael Schultz Daily News Nr. 841

Michael Schultz Daily News Nr. 841

Berlin, den 8. Januar 2015

es gibt Tage, an denen das Schreiben wirklich schwerfällt. Heute ist mal wieder so einer. Nicht, dass es keine Themen gibt; es ist das Schreckliche was gestern in Paris geschehen ist. Der grauenhafte Mordanschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift 'Charlie Hebdo' blockiert das Denken. Doch, und auch wenn es wirklich schwerfällt, gerade jetzt ist es wichtig, den Kopf nicht zu verlieren, und uns durch den blutigen Kampf einiger hasserfüllter Islamisten die Werte nicht verrücken zu lassen. 

Die FAZ kommentiert den Pariser Anschlag treffend mit der Überschrift 'Blut auf die Mühlen'. Frankreich dürfe sich das nicht gefallen lassen, 'die Täter und ihre Sympathisanten müssen mit aller Härte verfolgt und bestraft werden'. Der Anschlag auf eine Zeitungsredaktion, die sich stets kritisch mit dem Islamismus auseinandergesetzt hat, sei 'ein Anschlag auf den Kern der westlichen Gesellschaften: die Meinungsfreiheit, den Pluralismus, die Toleranz. Es ist ein Anschlag auf uns alle', schreibt das Blatt weiter. 'In Frankreich wird sich der rechtsradikale 'Front National' in seiner verqueren ausländerfeindlichen Politik, die sich gegen alle Muslime richtet, bestätigt fühlen. Ebenso die armselige deutsche 'Pegida'-Truppe in Dresden, deren Anhänger hinter jedem Kopftuch einen Islamisten vermuten. Wenn Islamophobie und extreme Ansichten bald in Europa den Diskurs über den Islam, Migrationspolitik und Nahost-Politik bestimmen, wird es richtig gefährlich', so die FAZ. 

Der Anschlag traf eine auflagenschwache, kleine Zeitung. Die Terroristen aber wollten ein brutales Signal setzen und der 'Lügenpresse' (FAZ) das Maul stopfen, weil diese das Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit 'in einer Weise ausübte, die den Attentätern und ihren Hintermännern verhasst ist'. Es ist eine Kriegserklärung an die ganze freie Welt'. 

Jetzt gilt es zu verhindern, dass 'Männer mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bestimmen, was man sagen, schreiben, zeichnen und auch nur denken darf. Ein solcher Meinungskampf wäre das Ende einer freien und offenen Gesellschaft.' 

Das Attentat trifft Frankreich zu einem Zeitpunkt, in dem das Land in einer sehr kontroversen Debatte über das in Michel Houellebecqs neuestem Roman 'Soumission' beschriebene Horrorszenario eines islamistischen Gottesstaates diskutiert. Diesen prophezeit er in seinem ironischen und satirisch zugespitzten Spiegelbild für das kommende Jahrzehnt. Seine Phantasien schüren Angst und treiben viele Franzosen in die Arme der rechten 'Front National'. Im jetzigen Massaker 'werden sich auch Leute finden, die das Blut der Ermordeten in Wasser verwandeln wollen, um es auf ihre Mühlen zu leiten: das Attentat als Bestätigung und Fortschreibung von Houellebecqs Visionen'. (FAZ)

In vielen europäischen Ländern gibt es mittlerweile Sammelbewegungen, die gegen die 'Islamisierung des Abendlandes' antreten. Aber auch bei uns, hier im Abendland, ist Hass anzutreffen, der in Gewaltphantasien mündet. Besonders in Bezug auf die 'Lügenmedien', gegen die auf den Demonstrationen der 'Pegida' gehetzt wird. Unverhohlen wurde der FAZ per Leserbrief geschrieben, dass man 'sich darauf freut, wenn in den Nachrichten zu sehen ist, wie ein wütender Mob ihre Redaktion in Brand steckt und sie gelyncht werden. So etwas kennen wir ja bereits aus der Geschichte (die sich meistens wiederholt)'. 

Bei aller Betroffenheit, die das Pariser Attentat ausgelöst hat, ist Besonnenheit oberstes Gebot der Stunde. Unsere über Jahrhunderte geschaffenen Werte gilt es jetzt nicht nur zu verteidigen, wir müssen sie proklamieren und uns ständig daran erinnern, dass Hass die Initialzündung vieler unentschuldbarer Verbrechen ist.  

Was bei uns jeden Montag in Dresden und sonst wo geschieht, dürfen wir nicht ignorieren. Die Meinungen darüber werden mitunter recht kontrovers geführt. Auch im Freundeskreis. 'Die Stammtische haben sich auf die Straße verlagert', hört man immer wieder. Gestern erreichten uns zwei Zuschriften, die die Zerrissenheit im Umgang mit 'Pegida' nicht besser beschreiben können. Ungefragt, und deshalb ohne Absenderangabe, geben wir diese im Folgenden weiter:

'Du machst es Dir leicht im Umgang mit 'Pegida'. Mit "Sumpf" und weiteren Beschimpfungen sollte man vorsichtig sein, bevor nicht analysiert wird, wer hier auf die Straße geht: Eine Verkürzung auf ausländerfeindliche Thematik - propagiert von Presse und Politikern - verleugnet die Brisanz und Gefahr der Situation. Hier gehen  Bürger auf die Straße, die sich nicht mehr von ihren gewählten Politikern vertreten fühlen - und gerade wieder im Sinne von Joseph Beuys eine Mitbeteiligung im Sinne einer direkten Demokratie einfordern. Da gibt es  in der Demonstrationsbewegung natürlich auch Trittbrettfahrer aus der rechten Ecke - doch niemals von der Anzahl 18 000 Menschen sondern verschwindend dagegen in kleiner Minderheit. Jetzt ist doch endlich Diskussion und Meinungsaustausch in unserem Lande angesagt: Kein Maulkorb und political Korrektness, gerade für Dich als künstlerisch ästhetischem Querdenker verstehe ich diese platte medienkonforme Bescheltung auf eine Bewegung, die uns eher angst und aufrütteln sollte eben auch mit der Auseinandersetzung unserer Vergangenheit nicht.'

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'Bitte unbedingt weiter so mit den klaren Worten!!! In deinem Newsletter fand ich endlich mal Gedanken, die sich nicht auf weichgespülte Verständnisversuche beschränken, sondern ganz klar auf die Gefahren solcher Bewegungen hinweisen. 

Da ich eine 88jährige Mutter habe und wir uns zur Zeit viel über ihre Kindheit und Jugend unterhalten, beschäftigt mich das Thema sehr, natürlich auch ganz besonders wie KünstlerInnen die damaligen Beschneidungen ihrer gerade erst gewonnenen Freiheit erlebt haben. In dem Zusammenhang habe ich kürzlich Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers" gelesen. Niemand konnte sich in den 20er und frühen 30er Jahren vorstellen, dass aus einem grölenden Minderheiten-Mob eine gigantische Mord-Maschinerie werden würde. Daran kann man gar nicht genug erinnern. Ignorieren kann jedenfalls in unserem Land keine akzeptable Haltung sein. Meine ansonsten sehr kommunikative Mutter wird bei 'PEGIDA'-Fernsehberichten übrigens ganz still und fängt plötzlich an zu flüstern...Vielen Dank für deinen Mut.'

Der mörderische Angriff auf unsere Freiheit erfordert Standhaftigkeit im Denken. In Frankreich waren gestern Abend weit über 100.000 Menschen auf den Straßen; zur Anteilnahme und für die Freiheit im Denken. Ohne Hass. Darauf kommt es jetzt besonders an.