Michael Schultz Daily News Nr. 840

Michael Schultz Daily News Nr. 840

Berlin, den 7. Januar 2015

auf die klaren Worte zum 'Pegida'-Sumpf folgten postwendend Kritik, Zuspruch und Anregung dazu, wie man mit diesem Thema künftig umgehen soll. 'Am besten einfach ignorieren, dann erledigt sich das recht schnell von selbst', ist eine vielfach geäußerte Meinung. Wahrlich, bevor der Text gestern geschrieben wurde, ist auch diese Möglichkeit gedanklich durchgespielt worden. Aber ignorieren bedeutet auch wegsehen, und das kann man bei diesen massenhaften rassistischen Ressentiments nicht. Es ist ja nicht die Angst vor islamischer Überfremdung, die die Menschen auf die Straße treibt, das sind im Herzen durch Frust zu Radikalen gewordene, die die Schuld an ihrer persönlichen Verfassung woanders suchen. Und jeder, der nicht so denkt, so fühlt, so riecht, so aussieht, so spricht, so bumst und so isst wie sie, ist ihr Feind. Womöglich hassen sie sich selbst. Ihnen Paroli zu bieten verlangt Zivilcourage. Und wer diese hat, sollte es tun. 

Nach der Demo am Montag in Dresden gingen rund 3000 Bürger ausgerüstet mit Besen und Schaufeln auf die Straße, um den Dreck, den die Demonstranten hinterließen, wegzukehren. Mehr als ein symbolischer Akt der Verachtung. In der Öffentlichkeit ist dieser leider nur kaum beleuchtet worden. 

Christian Lindner, Parteichef der sich neu formierenden FDP, sagte gestern auf dem Dreikönigstreffen der Liberalen: 'Wenn wir es zulassen, dass mit Ressentiments Politik gemacht wird, zwischen Islam und Islamismus nicht unterschieden wird, sind es heute Muslime und morgen die Zahnärzte, Homosexuelle oder kinderlose Paare, die ausgegrenzt werden'. Intoleranz beschädige unsere Gesellschaft und sei mit Freisinn und Liberalismus nicht vereinbar. Die FDP distanziere sich deutlich von der menschenverachtenden Bewegung.

Führende Politiker der AfD hingegen suchen Anschluss zu 'Pegida'. Sie biedern sich an und würden gerne der politische Arm der Frustrierten werden. Die Schnittmenge ist immens, und wird voraussichtlich noch größer, wenn der parteiinterne Streit zuungunsten des Vorsitzenden Lucke ausgeht. Sollte er den schwelenden Machtkampf verlieren, dann wird offen ausgetragen, was in den Hinterzimmern der Partei schon jetzt Programm ist: europafeindlicher, brauner Populismus.

Und, der Euro muss weg. Nicht die D-Mark wird es sein, nach der man sich so sehr sehnt; eine rückgewandte Währungsreform greife dann am besten bis zur Reichsmark durch. Mit welchem Konterfei, das wird noch nicht verraten.

Jetzt ist die Kanzlerin gefragt. In einer möglicherweise zweiteiligen Rede an die Nation sollte sie einerseits den Kulturwandel von 1945 bis 1989 beleuchten, und anderseits die soziokulturelle Entwicklung von '89 bis jetzt. Vieles gäbe es dazu zu sagen. Beispielsweise die Tatsache, dass wir die blühenden Landschaften im Westen ohne die Mithilfe von Fremdarbeitern nie so geschafft hätten. Oder aber auch über den europäischen Frieden, der in eine starke politische Ordnung mündete, von der wir Deutsche am meisten profitieren. Im zweiten Teil könnte sie daran erinnern, dass genau die Unterdrückung in der toleranzlosen DDR zum Zusammenbruch derer geführt hat. Sie könnte den Menschen dort nochmal das Spiegelbild der gnadenlosen Unterdrückung mit den überfüllten Zuchthäusern vorzeigen. Sie müsste ihrem Volk den Begriff der Solidargemeinschaft näher bringen, und ihnen auch sagen, dass die Rekultivierung des Osten ohne die Hilfe nichtdeutscher Arbeiter, Ingenieure und Bauern niemals in diesem Tempo von statten gegangen wäre. Sie könnte die Kunstschaffenden im ehemaligen Osten daran erinnern, wie unfrei sie ihre Gedanken zu Papier bringen durften. Allgegenwärtiger Zensor, das war der Alltag. Deutliche Worte werden erwartet.  Zu sagen hätte sie einiges, zu hoffen bleibt, dass sie das auch bald tut.

Schlussendlich wäre noch anzumerken, dass nicht mangelnde Bildung alleine schuld an diesem Dilemma ist. Es sind die nicht vorhandenen Angebote zur Aufklärung, die die Parteien in ihren Programmen haben. Daran haperts. Nutznießer ist die AfD, die schamlos ausnutzt was andere versäumt haben. Doch leider im falschen Kontext.

Morgen hoffentlich wieder Frischeres aus dem Alltag der Lebensfreude.