Michael Schultz Daily News Nr. 830

Michael Schultz Daily News Nr. 830

Berlin, den 12. Dezember 2014

ein probates Hausmittel gegen die gerade mal wieder kursierenden Erkältungskrankheiten ist die Hühnersuppe. So jedenfalls wird uns das immer dann empfohlen, wenn der Hals mal wieder kratzt und die Körpertemperaturen steigen. Auch wenn wir nicht wirklich daran glauben, das Huhn muss her und rein in den Kochtopf.

Weil Huhn aber nun nicht gleich Huhn ist, soll es schon ein besonderes sein. In den Geflügelabteilungen unserer Feinkostspezialisten wird feilgeboten, was der Markt erfordert; vom einfachen Suppenhuhn für 2.99 Euro bis hin zum Superhuhn für knapp 20 Euro. Auf die Frage nach dem Unterschied antwortet die Verkäuferin, dass das teurere aus artgerechter Haltung stammt. Nachgefragt ergänzt sie, dass bei artgerechter Haltung für 6 Hühner ein Quadratmeter Lebensraum zu Verfügung stehen muss. 

Erst im Nachhinein wird klar was das bedeutet: auf einer Fläche von 10 x 10 Meter, das entspricht 100 Quadratmeter, leben nach artgerechter Haltung 600 Hühner. Kaum vorstellbar, dass sich die so eingepferchten Tiere ihrer Art entsprechend wohlfühlen.

Artgerechte Haltung bezeichnet eine Form der Tierhaltung, die sich an den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere orientiert und insbesondere auf die angeborenen Verhaltensweisen der Tiere Rücksicht nimmt. Im Unterschied zur Massentierhaltung soll bei der artgerechten auf die spezifischen Bedürfnisse der Tiere eingegangen werden. So jedenfalls verlangt es der Gesetzgeber.

Weil aber viele Haus- und Nutztiere durch ihre Domestikation (Wikipedia) nicht mehr in der Lage sind, sich in einer ihrer Art gerechten, natürlichen Umgebung selbstständig zu versorgen oder fortzupflanzen, greift der Mensch ein und legt fest, was für das Wohl der Tiere am besten ist. Die Tiere werden marktgerecht verzüchtet, so dass sie den wirtschaftlichen Ansprüchen ihrer Halter gerecht werden. Trotzdem erhalten die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen, insbesondere den Bewegungsdrang, den Jagdinstinkt oder auch das Bedürfnis sich zu verstecken. Doch der Mensch entscheidet, und das Tier hat es zu ertragen. 

Bei einer schnellen Recherche zu 'artgerechter Haltung' wird deutlich, wie wenig Platz nationale und internationale Verordnungen für das einzelne Tier vorsehen: bis 2012 stand einem Legebatteriehuhn eine Wohnfläche von nicht mal der Größe eines DIN  A 4 Blatts zu. Auf den Quadratmeter hochgerechnet, lebten bis vor kurzem noch 15 Hühner auf diesem engen Raum. Artgerecht. Nach Protesten durch Tierschützer wurden leichte Verbesserungen erreicht, aber immer noch sind es 11 Tiere, die sich eine Fläche von einem mal einem Meter teilen müssen. Eingepfercht, wohlbemerkt.

Immerhin, der Preisunterschied zwischen sechs Hühnern im Gehege und elf Hühnern in der Box macht pro Stück stolze 17 Euro aus. Für die Produzenten ist das kein Verlust, der Ausgleich erfolgt in der höheren Eierproduktion durch die preisgünstigeren Legebatteriehühner.

Wegen schwerster Verstöße gegen das Tierschutzgesetz wurde gestern einem Schweinezüchter aus dem Landkreis Jerichower Land  von der Behörde ein Tierhalteverbot ausgesprochen. Seine Tiere sind derart überzüchtet, dass die Muttersauen mehr Ferkel werfen als sie versorgen können. Um den stärkeren das Überleben zu sichern, werden die schwächeren von Menschenhand getötet. Aufgedeckt wurde der Skandal durch die ARD-Reportage 'Deutschlands Ferkelfabriken', eine Dokumentation die selbst den Hartgesottenen unter die Haut ging.

Möglich sind die unwürdigen Tierattacken auch deshalb, weil ein hoher Anteil der systemimmanenten Tierquälerei in der industriellen Tierhaltung durch den Gesetzgeber gedeckt ist. Das Durchgreifen der Behörden allerdings zeigt, dass auch dort die Schmerzgrenze weit überschritten ist.

Kaum auszurechnen, wie hoch der Preis für ein artgerecht und im Freigehege aufgezogenes Suppenhuhn wäre. Wahrscheinlich könnten wir uns das kaum noch leisten. Gesichert allerdings ist, dass die Hühnersuppe bei Erkältung für Abhilfe sorgt. Das hat ein Forscherteam der Universität in Nebraska ermittelt: eine gut gekochte Hühnersuppe blockiert die Bewegung bestimmter weißer Blutkörperchen (Neutrophile) und lindert damit die weitere Anschwellung und Entzündung der Schleimhäute in den oberen Atemwegen. Außerdem hilft die Hitze, die temperaturempfindlichen Schnupfenviren zu bekämpfen; der Dampf löst die Schleimhäute.

Mit dem Abkochen, empfohlen sind mindestens 60 Minuten, werden aber auch mögliche Giftstoffe neutralisiert, die durch die Haltung zugeführt wurden. Der Selbsttest jedenfalls hat ergeben, dass erstens das teurere Huhn gut schmeckt, und zweitens die Erkältung deutlich nachgelassen hat. Einzig die Erklärung der Verkäuferin zum Preisunterschied sorgte für Verwirrung.

Die Hühnersuppe jedenfalls darf getrost als artgerechtes Gegenmittel menschlicher Erkältungskrankheiten eingesetzt werden. Auch ohne besondere EU-Richtlinien. Es geht auch so.