Michael Schultz Daily News Nr. 829

Michael Schultz Daily News Nr. 829

Berlin, den 11. Dezember 2014

aus Amerika erreichte uns der Hinweis, dass eine Bemerkung aus dem Newsletter vom Dienstag dieser Woche bezüglich der Drohnenüberwachung einer Antirassismusdemonstration 'unsinnig' und 'Quatsch' sei. Es ging um den Satz: 'Jeder, der zufällig in der Nähe der Demo von den Drohnenkameras erfasst und identifiziert wird, landet automatisch in der Verbrecherkartei der Behörden'. Der Hinweis ist richtig, die Erfassten landen nicht in der allgemeinen Verbrecherkartei; sie werden in einer speziellen Kartei in der 'Staatsfeinde und Terrorismusverdächtigte' registriert sind, festgehalten. Amerikanische Medien berichten unisono darüber. Wir bedauern den Übersetzungsfehler.

In Anbetracht der jetzt gerade bekannt gewordenen Foltermethoden, die so wie es aussieht von ganz oben aus der Bush-Junior-Administration in Auftrag gegeben wurden, ist die Auswertung der Drohnenüberwachung friedlicher Demonstranten wahrlich nichts Ungewöhnliches. Es dient dem Sicherheitswahn, der das Land nach dem 11. September 2001 überzogen hat. Die Folgen dessen sind bis in die letzten Zipfel unserer Erde spürbar. 

Ein jetzt veröffentlichter 'Folterbericht' macht deutlich, wie wenig Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde in den USA wirklich wert sind. Simuliertes Ertränken (Waterboarding), Schlafentzug, tagelanges Einsperren der Gefangenen in Kisten und viele weitere sogenannte 'harsche' Verhörmethoden gehörten zum Alltag in den geheimen CIA-Gefängnissen. Wie jetzt bekannt wurde, stellte die polnische Regierung dem amerikanischen Geheimdienst eine Liegenschaft zur Verfügung, in der die Folterspezialisten in einem rechtsfreien Raum ihren sadistischen Methoden freien Lauf lassen konnten. Dafür wurden im Gegenzug 15 Millionen Dollar nach Warschau überwiesen. So viel, oder besser gesagt so wenig, waren den Amerikanern die Aberkennung menschlicher Grundrechte wert. Sofern diese überhaupt durch materielle Gegenwerte ablösbar sind.  

Warum also sollen die US-Geheimdienste heutzutage Drohnen in die Lüfte schicken und ihre dadurch erworbenen Erkenntnisse nicht verwerten? Im Vergleich zu dem jetzt Bekanntgewordenen ist dies doch wirklich Peanuts. Vielleicht ist es der große Widerspruch, der im Land der unbegrenzten Möglichkeiten alltäglich spürbar ist, der oft nicht glauben lassen will, wie es hinter der Fassade aussieht. Die Polizei im Land hat ein fast unbegrenztes Machtmonopol, welches von ihr nicht nur ausgenützt, sondern gerne auch überschritten wird. Und das in der Regel folgenlos.  

Positiv muss in der jetzigen Debatte berücksichtigt werden, dass die Bekanntmachung der Folterverhörmethoden durch amerikanische Regierungsbehörden forciert und in die Wege geleitet wurden. In diesem Punkt entfernt sich Amerika ganz deutlich von einer möglichen Gleichstellung mit Ländern, in denen Folter nach wie vor zum Alltag gehört. Andererseits macht gerade die offizielle Veröffentlichung dessen was  schon lange bekannt ist auch deutlich, wie sorglos man in Amerika mit Menschenrechten umgeht, wenn der Staat terroristischen Handlungen ohnmächtig gegenübersteht.

Auge um Auge, Zahn um Zahn, die mosaische, alttestamentarische Formel der Wiedergutmachung ist fest verankerter Bestandteil amerikanischen Denkens. Solange dies so ist, wird sich grundsätzlich nichts ändern. Lediglich die Techniken werden verfeinert, der Ursache wird nicht auf den Grund gegangen. Diese Methodik öffnet der Selbstjustiz Tor und Tür; einzig das Waffengesetz ist liberalisiert, doch dieses trägt großen Anteil am amerikanischen Dilemma.

Unsere uneingeschränkte Liebe wird immer mal wieder eingetrübt. Doch genauso schnell wie wir uns empören, sind wir auch schon wieder beruhigt. Wer denkt denn heute noch daran, dass die Gründe für die peniblen Fluggastkontrollen ein weltweit umspanntes US-Dekret sind. Edward Snowden und seine Abhörenthüllungen sind lange schon Geschichte. Die USA hat die Welt verändert, das wissen wir. Ob sie ohne ihre Entscheidungen heute anders aussehen würde, das allerdings wissen wir nicht. 

Angezogen fühlen wir uns durch die bunte Welt in Kalifornien, Florida und New York. Bei der Draufsicht kommt Lebensfreude auf. Vieles scheint möglich und alles wird gezeigt. Lebensformen von denen wir bei uns nur träumen können. Andererseits gibt es das bockige, prüde und besessen verbohrte Amerika, und davon gibt es leider zu viel.  

Dort wo in den USA der Zuwanderungsanteil jüngerer Generationen am höchsten ist, zeigt sich das Land von seiner aufgeschlossensten Seite. Eine Tatsache, über die man an jedem Montag in Dresden nachdenken sollte. Die Rettung des Abendlandes, so absurd das auch klingt, ist von der amerikanischen multikulti Küstenbevölkerung bereits vollzogen. Das andere Amerika allerdings beschert uns die vielen Flüchtlinge, die manchen von uns derzeit große Sorgen bereiten. Fluch und Segen zugleich schwappen über den großen Teich.

In einer Welt, in der es ohne globale Vernetzung kaum noch geht, besonders nicht für unseren Wohlstand, in dieser sollte doch so jeder Farbtupfer ein Segen für unser Gemüt sein. Es wird Zeit zum Umdenken.