Michael Schultz Daily News Nr. 825

Michael Schultz Daily News Nr. 825

Miami Beach, den 5. Dezember 2014

ähnlich wie bei uns zu Hause, sind es auch hier in Amerika die Taxifahrer, die in wenigen Worten die aktuelle Weltlage erklären. Was die Nation, und im Besonderen gerade sie so bewegt, wird zwar stark gefiltert dafür aber unverblümt an die Fahrgäste weitergegeben.  'In Amerika werden viel mehr Weiße von der Polizei erschossen, doch das interessiert niemand', sagte uns ein weißer und ursprünglich aus Kuba stammender Cab Driver gestern früh. Die Polizei sei wegen der enormen Medienpräsenz schon jetzt nicht mehr bereit, 'schwarze Verbrecher zu erschießen'. Man lasse sie laufen, obwohl sie 'erschossen gehörten'.

Harte Worte, und das am frühen Morgen. Dennoch, das kurze Gespräch mit dem Fahrer verdeutlicht, dass die amerikanischen Rassenprobleme viel differenzierter sind. Diese nur auf Schwarz und Weiß zu reduzieren, wäre zu einfach; innerhalb der vielschichtigen und recht unterschiedlichen Einwanderungsgruppen wird sich bis aufs Messer befehdet. Dort gehören die Schwarzen bereits zu den Privilegierten, die mit derselben harten Hand gedemütigt werden sollen, wie alle anderen Underdogs eben auch.

Beim Blick hinter die Kulissen wird aus dem amerikanischen Traum ein großer Alptraum. Trotzdem glauben die Getretenen an ihr Amerika, in dem jeder 'die Chance hat, aus nichts ein Imperium zu schaffen'. Sogar dem schwarzen Obama ist es gelungen, seinen Traum zu verwirklichen; ihm ging es 'niemals um mehr Gerechtigkeit im Land; ihm ging es nur um sich'. Aber er hat es geschafft Präsident zu werden, damit ist er Vorbild für Millionen von Amerikanern. 'Wir haben alle Möglichkeiten; nur nutzen müssen wir sie'. 

Am Ende der Fahrt waren wir ein wenig genervt, der Fahrer machte einen zufriedenen Eindruck. Endlich wieder mal konnte er seinem Unmut die Luft raus lassen. Weihnachten steht vor der Tür, und bis dahin wird es wohl noch viele von der Polizei erschossene geben. Dass man Diebe und Gesetzesbrecher auch festnehmen kann, nahm er gar nicht in Betracht. In seiner Betrachtung der Dinge gilt nur der Tod als wahre Bestrafung.  

Amerika eben. Ein Land, in dem sich das Schwarz-Weiß-Denken bis tief in die unterste Gefühlsebene eingenistet hat. Entweder ist man Kapitalist oder Kommunist; reich oder arm; schwarz oder weiß; dick oder dünn; schön oder hässlich; alt oder jung - dazwischen gibt es nichts. Diejenigen, die mit ihrem Schicksal hadern, gehen dagegen an. Man hört es, man sieht es und man spürt es. 

 

 

Viel Unglück gibt es in der Kategorie derjenigen, die sich zu den weniger schönen und älteren Amerikanern zählen. Auf Äußerlichkeit wird großen Wert gelegt, und wer es sich leisten kann, hält dagegen an. Ihr genaues Alter wollte sie nicht verraten; dieses zu schätzen ist bei dem durch Botox Chirurgie verunstalteten Gesicht kaum möglich. Die Sitzungen sind abgeschlossen, mehr ist nicht möglich. Ihr größter Stolz sind die 'Vierten', die sie bereitwillig und mit allseits geöffnetem Mund überglücklich präsentiert. 

 

 

Auch ihr Alter war nicht in Erfahrung zu bringen; Frau schweigt und genießt. Gut in die siebzig wird sie wohl schon sein.  Für ihre Gesichtsbehandlungen wurden Fachleute konsultiert. Um den Zustand so belassen zu können, muss alles unter Kontrolle bleiben. Ständige Besuche in der Praxis ihres Schönheitschirurgen gehören zu ihrem Alltag. Wie bei vielen der Verunstalteten scheint auch sie sich für die Außenwirkung kaum zu interessieren. Zu ihren ständigen Begleitern gehört ein großformatiger Taschenspiegel; mit ihm und in ihm findet sie ihre Glückseligkeit, aber auch ihr durch das hohe Alter verlorengegangene Selbstbewusstsein zurück. Doch der Schein trügt; sobald der Spiegel beschlagen ist, kullern die bitteren Tränen der Verzweiflung.

 

 

Wer mit 58 Jahren noch so gut aussieht wie sie, sollte schon ein wenig zufriedener in die Weltgeschichte blicken. In ihrem glatt gebügelten Gesicht ist nicht eine einzige Falte zu sehen, vielleicht überrascht sie das selbst. Die junge Dame kommt aus Singapur, und als wir sie um ein Foto gebeten haben, war sie sichtlich bewegt. Doch dies zu zeigen war wegen der hohen Spannung ihrer Gesichtshaut nicht besser möglich. In ein paar Jahren, sobald die Spannung nachlässt, wird auch sie wieder lächeln können. Sehen will es dann allerdings niemand mehr. 

Beim kleinen Einblick in die Äußerlichkeiten der amerikanischen Sittengeschichte bekommt man einen tiefen Blick in die Befindlichkeit der Menschen. Tiefer geht kaum noch. Betroffen abwenden ist nicht möglich; also schauen wir hin. Unsere Blicke prallen an der Oberfläche ab, dennoch dringen sie ganz tief hinein ins Gemüt einer Nation mit unbegrenzten Möglichkeiten.