Michael Schultz Daily News Nr. 821

Michael Schultz Daily News Nr. 821

Miami Beach, den 1. Dezember 2014

ob nun beruflich oder privat, wer in den Genuss kommt, in der Ferne dem ersten Advent ein Schnäppchen zu schlagen, ihm sozusagen zu entfliehen, erspart sich großen Stress vorweihnachtlicher Organisationszwänge. Spätestens mit dem Anzünden der ersten Adventskranz Kerze verfällt der gewöhnliche Deutsche in tiefe Depressionen. Mit großen Schritten naht der Überraschungsabend und je näher er kommt, desto verkrampfter werden wir.

Doch mal ehrlich gesagt, warum eigentlich freuen wir uns denn so sehr auf das Weihnachtsfest? Je nach Alter gibt es dafür unterschiedliche Gründe. Die ganzen jungen unter uns wollen den Weihnachtsmann sehen. Wollen von ihm gelobt und beschenkt werden. Die etwas älteren wollen ihn auch sehen, weil sie es immer noch glauben können, dass sie mal an ihn geglaubt haben. Und die alten unter uns, die freuen sich auf Weihnachten, weil es freie Arbeitstage gibt, und weil mit dem Fest in gewissem Sinne auch das Ende des Jahres eingeläutet wird.

Wir schließen das Jahr ab, alle Schreibtische werden abgearbeitet, Rechnungen werden bezahlt; es wird erledigt was es zu erledigen gilt. Nach dem zweiten Feiertag, wenn alles Wichtige wie Bescherung und Verwandtenbesuch abgearbeitet ist, fallen wir in ein tiefes Loch und hoffen auf langes Verweilen darin. Zwischen den Jahren, gemeint ist die Vakanz zwischen Weihnachten und Neujahr, erlauben wir uns mehr Freiheiten und gehen auch schon mal tagsüber ins Wirtshaus, schlafen am Nachmittag und frühstücken gerne etwas später.

So stellen wir uns das Rentnerdasein vor. In der Nachweihnachtszeit erleiden wir Jahr für Jahr ähnliches. Eine Zeit, in der die meisten von uns aus Langeweile und weil sie nichts mit sich anfangen können, Pläne und Vorsätze für die Zukunft schmieden. Weniger und gesünder essen, das Rauchen einstellen und öfter auf Reisen gehen, sind die wichtigsten Veränderungswünsche des gemeinen Deutschen.

Mitte Januar, wenn der Alltag uns wieder eingeholt hat, sind die Vorsätze verflogen. Es schmeckt uns wieder, ohne Nikotin geht es schon gar nicht und die in Euphorie geschmiedeten Reisepläne sind Makulatur. Später, wenn das Rentenalter dann wirklich eintritt, haben wir Zeit für solche Dinge. Das Leben geht weiter, nimmt seinen Jahresrythmus auf und am ersten Advent im kommenden Jahr tauchen dieselben Zweifel auf. Es beginnt erneut der Jahresstress, und unterm Weihnachtsbaum fangen wir wieder an zu träumen. Der Rhythmus unseres Lebens halt.

Den wirlich Gesegneten nter uns verschafft die Natur zum ersten Advent diesen Sonnenaufgang. Mehr geht nun wirklich nicht. Erlebt am Strand von Miami Beach.

Wirklich entziehen können wir uns dem nicht. Adventszeit und Weihnachtsfest sind so tief verankert, dass nur die Flucht zum Verdrängen hilft. Doch die Wenigsten von uns können dies, geschweige es sich erlauben. Man bleibt zu Hause und arrangiert sich mit den Begebenheiten. Man weiß ja was auf einen zukommt.

Uns hat es die Ferne getrieben, nicht aus Flucht. Heute beginnen wir mit dem Aufbau der 'Art Miami'. Um diese Jahreszeit, und das ist ein Segen für die Kunstwelt, veranstaltet der internationale Artzirkus seine Jahreshauptversammlung unter der Sonne Floridas. Von heute ab bis kommenden Sonntag offerieren annährend eintausend Aussteller auf mehr als zwanzig Kunstmessen die Arbeit von geschätzt mehr als fünftausend Künstlern. Wer da durchkommen will, muss gut beschuht sein.

Doch der Mythos Miami bröckelt, zumindest an den Rändern. Nirgendwo anders ist die inflationäre Entwicklung auf dem Messemarkt deutlicher als hier. Die 'New York Times' sprach am vergangenen Samstag davon, dass dies wohl auch der Grund sei warum auf der 'Art Basel Miami Beach' eine ganze Reihe angesagter Händler nicht mehr aufschlagen. Die Masse des Angebotes verschlechtert den Umsatz des Einzelnen, und darunter leiden insbesondere jene Kollegen, die um mit einer schwarzen null nach Hause reisen zu können, mindesten 1 Mio. umsetzen müssen. Dort oben war die Luft schon immer dünn und je größer das Angebot, desto mäßiger das Geschäft in der Spitze.

Wir lassen uns überraschen und gehen voller Zuversicht in die Woche. Zu Hause in Berlin zeigen wir in unseren Galerien die Ausstellungen von Stefan Kaluza und Bernd Schwarzer. Eine ganz besondere Show ist augenblicklich im Künstlerhaus Bethanien zu sehen. Im Rahmen der Verleihung zum diesjährigen Falkenrot-Preis, den die Berliner Künstlerin Michaela Meise bekommen hat, zeigt sie ihre neu entstandene Werkserie 'Mothers' Keramik-Portraits von Müttern, zu denen sie im Austausch mit anderen Künstlerinnen und durch ihre Beschäftigung mit den Thesen der feministischen Psychoanalytikerin und Kulturtheoretikerin Luce Irigaray inspiriert wurde.

"Angefangen habe ich mit dem Portrait meiner eigenen Mutter und habe dazu gänzlich aus meiner Erinnerung und Imagination gearbeitet. Zu meiner Überraschung entstand ein Gesicht, das ganz nah zu sein scheint, als würde es sich über mich beugen. Außerdem gab es kleine Szenen am Rand, wie meine Mutter als Kind mit anderen Kindern wild auf der Straße spielt, außerdem eine Luftaufnahme der kriegszerstörten Stadt, in der sie aufwuchs, und Lavendel, den sie so gerne mag. Anstatt ihres Namens habe ich "meine Mama" in den Ton geschrieben." Zitat von Michaela Meise; aus dem Pressetext. Künstlerhaus Bethanien, noch bis zum 14. Dezember 2014, Di - So: 14 - 19 Uhr, Eintritt frei, Kottbusser Straße 10,10999 Berlin.

Für alle Daheimgebliebenen eine Empfehlung besonderer Qualität.