Michael Schultz Daily News Nr. 820

Michael Schultz Daily News Nr. 820

Berlin, den 28. November 2014

augenblicklich, so jedenfalls verbreiten es die Medien, augenblicklich geht es uns Deutschen recht gut. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Arbeitslosenzahlen um knapp 90.000 nach unten, es wird  konsumiert wie lange nicht mehr, mindestens 425 Euro sollen durchschnittlich für Weihnachtsgeschenke ausgegeben werden.  Auch aus den Auktionshäusern werden Rekorde vermeldet; bei Grisebach in Berlin kam dieser Tage eine kleinformatige Gouache von Adolph Menzel unter den Hammer. Geschätzt wurde das Blatt auf 100.000 Euro - bezahlt wurden am Ende 3,5 Millionen. Niemals zuvor wurde so viel Geld für diesen Künstler ausgegeben. Der bisherige Auktionsrekord bei Sotheby's stammt aus dem Jahr 2007, dieser wurde um mehr als eine Million Euro überschritten. Gestern Abend wurde ein düsterer Beckmann versteigert; auch er erzielte mit 1.15 Mio. Euro einen stolzen Preis, nur wenig unter der oberen Schätzung von 1.2 Millionen Euro.

Es sind nicht nur die Summen die überraschen, es ist auch die Tatsache, dass diese Ergebnisse in Deutschland erzielt werden. Dort wo der Staat mit seiner auf 19% erhöhten Mehrwertsteuer kräftig mitverdient, und wo Künstler oder deren Erben über eine staatlich verordnete Folgerechtsabgabe bei jeder Weiterveräußerung eines Kunstwerks mitverdienen.  Zwei Hauptgründe warum sich die international erfolgreichen Auktionshäuser Christie's und Sotheby's aus Deutschland zurückgezogen haben. Sie versteigern ihre Kunst in London und New York, wer aus Deutschland erfolgreich mitbietet, für den lohnt es sich: das Folgerecht entfällt und die Einfuhrumsatzsteuer ist beim alten Satz von 7% geblieben. Die dabei anfallenden Transportkosten sind reine Peanuts. Bei einem 10 Millionen Geschäft spart der Käufer rund 1,5 Mio. Euro wenn der Erwerb außerhalb Europas getätigt wird. Die ganz Schlauen lagern ihre Schätze im Zollager, dort bleiben sie bis zum Weiterverkauf liegen, und der Staat bleibt außen vor.

Rechenmodelle, die in jedem gut ausgestatteten und kunstaffinen Haushalt deponiert sind; wer die Mittel hat, entscheidet das Procedere. Umso erstaunlicher, dass an der in Berlin stattgefunden Menzel-Auktion insgesamt elf Bieter ins Gefecht gingen. Das hat eine neue Qualität und beweist, dass  sehr viel deutsches Geld nach Anlagemöglichkeiten sucht. Selbst der Staat mit seinen gierigen Klauen ist kein Hemmnis mehr. Überflüssiges will sinnvoll angelegt werden; dem Staat befriedigt man seine Begehrlichkeit; die zu erwartende Rendite entschädigt.

Neues Denken bei uns im Land. Man arrangiert sich mit den Gegebenheiten. Für den Kunsthandel ist die von den Banken geführte Diskussion um Negativzinsen recht erfreulich. Wer spart wird bestraft. Logischerweise werden die Konten geräumt und das Geld in Sachwerte angelegt. Das ist keine Flucht, sondern eine logische Schlussfolgerung. 

In der Betrachtung von Bargeld, darüber ist sich die Fachwelt einig, haben ästhetische Gesichtspunkte nie eine Rolle gespielt. Zumindest nicht in der Neuzeit. Geld zu besitzen ist real nicht fassbar, deshalb hat Bares auch was ganz abstraktes. Erst dann wenn es als Vehikel für Genuss, Vergnügen, aber auch für Überfluss und Luxus ausgegeben wird, dient es als Transformator für Ästhetik.

Aus 'Nichts' wird plötzlich was Greifbares. Was will man eigentlich mehr. Es wird greif-bar, und das ist der Schlüssel zur Veredelung unserer Lebensqualität. Nicht das Geld auf dem Konto macht uns glücklich, es sind die Dinge die uns umgeben, die Inspiration zum Leben und Träumen liefern. Und davon benötigen wir viel.   

In den Tresoren der Banken sind Unmengen von 'Nichts' gelagert. Und besonders dort wo es ganz viel davon gibt, ist den Besitzern das Lächeln entschwunden. In den ärmeren Regionen unserer Welt hingegen lächelt man viel. Warum wohl?  Wer nichts hat, braucht sich auch keine Sorgen darum machen. Ihre Hütten sind geschmückt mit meist bunten Fundstücken aus der Natur; glücklich leben sie damit. Ihre Kunst eben.  

Wer mit offenen Augen durchs Leben wandelt, wird ständig daran erinnert, dass Geld letztlich doch nicht glücklich macht. Ausgeben ist die Devise. Nicht sinnlos, dazu gibt es reichlich Alternativen. Mehr Freude ins Leben lassen. Nicht nur zur Weihnachtszeit.