Michael Schultz Daily News Nr. 819

Michael Schultz Daily News Nr. 819

Berlin, den 27. November 2014

im Deutschen Bundestag findet augenblicklich der große Schlagabtausch statt. Es geht um den Haushalt und vieles mehr. Opposition und Regierung streiten um die richtige Politik, und wenn die mitunter hanebüchene Qualität der Debatten als Sittenbild deutscher Umgangsformen gilt: armes Deutschland. 

In der Sache hart, dagegen hat niemand was. Im Gegenteil, wir lieben es wenn im Hohen Haus die Fetzen fliegen. Früher noch, als Wehner, Strauß und Konsorten das Sagen hatten, gehörte der Griff unter die Gürtellinie zum Tagesgeschehen. Ungeschminkt und in Schwarzweiß verfolgten wird vorm Fernseher das Geschehen, und wenn Wehner seine Keule schwang, kam Freude auf. 

Ja, so war das damals. Mit der Merkelisierung unserer Gesellschaft, des größten Gleichstellungsaktes den die Menschheitsgeschichte je erlebt hat, wurde aus dem lebendigen Streitgespräch hinterfotzige Heuchelei. Nachteile, die der Marsch in die Mitte so mit sich bringt. Im Kanzleramt weiß man das, man kann aber die Dinge nicht mehr aufhalten, geschweige denn zurückdrehen.

Frau Merkel wird, so jedenfalls prophezeit es der ehemalige 'Bild' und heutige 'Spiegel'-Mann Nicolaus Blome, im nächsten Jahr ihr Amt zur Verfügung stellen. Bis dahin soll der Marsch in die Mitte abgeschlossen sein, die Ränder rundgeschliffen und die CDU ein unverkennbares sozialdemokratisches Profil haben. Dafür hat sie sich jahrelang krummgebogen, hat ihr Stammklientel mal in die Hände der FDP und jetzt in die Klauen der AfD getrieben. 

Gott sei Dank jedoch, alles was sie zum reinen Machterhalt, teilweise sogar freiwillig, abgegeben hat, hat sie sich von den Sozialdemokraten zurückgeholt. Viel mehr sogar, die CDU liegt in der Wählergunst augenblicklich zwischen 42 und 44%, die einst stolze SPD bei mageren 24%.

Nicht dass die Sozialdemokraten schlechte Politik machen. Im Gegenteil, die Veränderung unserer Gesellschaft wird von der SPD vorangetrieben, das war schon immer so und ist auch heute noch so. Im Kampf um die Frauenquote beispielsweise, die von der CDU/CSU wenn überhaupt nur in deutlich abgeschwächter Form eingeführt werden sollte, haben sich die Sozialdemokraten durchgesetzt. Und das ist auch gut so.

In die Debatte darüber hat sich nun auch Unionsfraktionschef Kauder eingemischt. Argumentativ kam dabei nicht viel heraus; lediglich das 'weinerliche' Verhalten der SPD-Ministerin Manuela Schwesig  wurde von ihm bemängelt. 'Die Familienministern soll nicht so weinerlich sein, sondern den Koalitionsvertrag umsetzen', sagte er dem 'ZDF'.  

Frau Schwesig gehört als Ressortleitern der Regierung an, und zu dieser gehört auch die Partei von Herrn Kauder. Aber das scheint dieser in der Hitze des Gefechtes vergessen haben. Die SPD sprach von einem 'unsäglichen Macho-Spruch Kauders'. Er habe offenkundig ein Frauenproblem.  Die Grünen nutzten die Gunst der Stunde und konnten sich in der laufenden Legislatur erstmals als Opposition bemerkbar machen: unter dem Gelächter ihrer Kollegen legte Fraktionschefin Göring-Eckhardt ein Tempotaschentuch auf Kauders Parlamentstisch. 

Die Argumentationslinie ist verweichlicht, die Oppositionsarbeit der Grünen reduziert sich auf die Geste. Mehr kommt nicht, und das ist Kalkül. Schließlich wollen auch die Grünen jetzt endlich in die Mitte. Als Partner an der Seite der CDU wollen sie mitgestalten, nicht so sehr in ihrem Kernthema dem Umweltschutz, man wird nehmen was kommt. Gerne erinnert man sich an die gute alte Zeit, in der Renate Künast noch die Berliner 'Grüne Woche' eröffnete. Seit an Seit mit dem Bauernpräsidenten Constantin Bonifatius Hermann-Josef Antonius Maria Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Genau dort will man wieder hin.

Aber alle drängen in die Mitte. Das Platzangebot jedoch ist beschränkt. Auf ihrem Weg in die Mitte wird es den Grünen gehen wie der FDP: dort angekommen werden auch sie von der CDU aufgefressen. Wie schnell das geht haben die Freidemokraten bei der Wahl im vergangen Jahr schmerzlich erlebt. Auch die SPD hat reichlich abgegeben müssen. Noch ist der Knochen nicht ganz abgeknabbert, an einigen Stellen aber schon deutlich sichtbar.  

Der Drang zur Mitte, mithin die Merkelisierung der Gesellschaft, treibt viele Stilblüten. Schon jetzt. Ohne dieses Phänomen wäre es wohl kaum möglich gewesen, dass ein Chefredakteur der 'Bild'-Zeitung zum Hauptstadtleiter des angesehenen 'Spiegel' aufsteigen kann.

Bevor die physikalischen Berechnungen von Frau Merkel zum Wandel der Gesellschaft in Kraft traten, gab es in der Republik noch viel Ungeschliffenes. Sogar bei den Grünen gab es Männer mit Eiern in der Hose. Bei Renate Künast sind viele heute noch der Ansicht, dass sie auch welche hat.  Wenn man sich den jetzigen Parteivorsitzenden Anton Hofreiter hingegen genauer anschaut, wird unverblümt deutlich, was der Drang zur Mitte aus Menschen machen kann. Was der wohl in der Hose hat. Ein Rätsel was die Berliner Politbühne augenblicklich sichtlich bewegt.

In der Fachsprache der Kulinarik nennt man das pochiert; auf Deutsch Verlorene Eier. Keine Häme, schließlich kann jeder tragen was er will. Hauptsache der Schlitz ist zu.