Michael Schultz Daily News Nr. 812

Michael Schultz Daily News Nr. 812

Berlin, den 18. November 2014

die am vergangenen Freitag bekanntgegebene Vertragskündigung zwischen den Bayreuther Festspielen und Jonathan Meese geht in die zweite Runde. Meese ging in die Offensive und erklärt den Vorgang aus seiner Sicht. Ihm nach gibt es bei der Finanzierung seiner für 2016 geplanten 'Parsifal'-Inszenierung überhaupt keine Probleme. 'Die aktuellen Kostengründe sind konstruiert und dienen lediglich als Vorwand' um ihn loszuwerden, wurde von seinem Büro verbreitet. Er selbst sagte dem 'Spiegel': 'Es geht in Bayreuth schon lange nicht mehr um Kunst. Es geht um Selbsterhalt, Macht und den Kampf gegen sinkende Relevanz'. Darüber hinaus spricht er von Einschüchterungsversuchen und einer 'Kultur von Befehl und Gehorsam'.

Er nennt die Trennungsgründe vorgeschoben, und stellt klar, dass seine eigene Kalkulation das vorgesehene Budget sogar unterschritten hätte. Als er die verantwortlichen in Bayreuth um deren Berechnungen gebeten habe, 'hat man ihm keine Zahlen vorlegen können, sondern lediglich pauschal und ad hoc behauptet, das ganze werde zu teuer', teilte sein Büro mit.

Meese selbst habe der Festspielleitung Vorschläge zur Finanzierung seiner Inszenierung gemacht. Er wollte Sponsoren anwerben, doch 'dieser Vorschlag wurde ohne eine Begründung von Katharina Wagner abgelehnt', ließ er über sein Office verkünden. Er selbst war sogar bereit, mit einer persönlichen Bürgschaft für eine mögliche Kostenüberschreitung zu haften, doch auch dieses Angebot wurde abgelehnt.

Außer den wohl vorgeschobenen Finanzierungsgründen hält sich das offizielle Bayreuth bedeckt, und das schürt natürlich die Gerüchteküche. Ist dem Wagner-Clan der Mut abhandengekommen, um mit dem sicherlich recht eigenwilligen Meese weiterzuarbeiten? Oder waren es erste Einblicke in seine künstlerische Umsetzung der Wagner-Oper, die den Nachfahren Angst einflößten? 

Das größte Risiko, so hört man aus der Festspielstadt, ist Meeses unprätentiöser Umgang mit den Symbolen aus der NS-Zeit. Als in 2012 mit Stolz seine Verpflichtung verkündet wurde, spielte dies in Bayreuth keine Rolle. Mehrmals 'versicherte Katharina Wagner', so die 'Nürnberger Zeitung', dass 'Meese um die spezielle Konstellation bei den Festspielen' Bescheid wisse. Hitler war in Bayreuth gern gesehener Dauergast, wurde Freund der Familie, und ungeniert äußerste sich Richard Wagner vielfach antisemitisch.  Darüber habe man ihn wohl in Kenntnis gesetzt.

Gut möglich, dass Jonathan Meese dem einflussreichen Festspielumfeld zum Opfer fiel. Die eingefleischten Wagnerianer bezeichnete er in einem Interview als 'Niederknieer'; eine Beschimpfung, die sich die feinen Damen und Herren der Bayreuther Gesellschaft nicht gefallen lassen wollten. Aus dieser Ecke kommt womöglich der Dolchstoß. Nicht die Angst vor dem Eisernen Kreuz im Bühnenbild, es ist die Angst vor der Offenlegung ihrer eigenen Herrlichkeit. Noch deutlicher als Christoph Schlingensief, der 2004 ebenfalls den 'Parzival' inszenieren durfte, könnte Meese mit seiner Inszenierung an den Grundfesten des erzkonservativen Wagnerkreises rütteln. Eine Erschütterung, auf die man in Bayreuth keinen Wert legt.

Die Nichtberechenbarkeit eines Künstlers, im Besonderen eines Jonathan Meese, war der Ausschlag für seinen Zuschlag. Die mediale Neugierde wird zum Kalkül und gehört zum Geschäftsprinzip. Auch in Bayreuth, wo längst nicht mehr alle Plätze restlos gefüllt sind, werden die Akteure zum Garant des Erfolgs. Wagner alleine schafft das nicht mehr. Umso bedauerlicher, dass den hörigen Wagnerianern der Meese-Schmaus jetzt vorenthalten wird.