Michael Schultz Daily News Nr. 811

Michael Schultz Daily News Nr. 811

Istanbul, den 17. November 2014

trotz Konkurrenz zum interkontinentalen Bosporus Marathon, an dem rund 50.000 Läufer vom europäischen Teil Istanbuls in den asiatischen und wieder zurück gelaufen sind, war der Besucheransturm auf der Istanbuler Kunstmesse auch gestern am letzten Messetag enorm. Nach Beendigung des Laufes fanden gar einige Teilnehmer den Weg zur Messe. Unsere Kollegen Kampl aus München konnten sogar an einen Marathon Teilnehmer ein Kunstwerk vermitteln.

Insgesamt können wir mit unserem Ergebnis zufrieden sein. Besonders an die aus Deutschland angereisten Kunstfreunde konnten einige Arbeiten in gute Hände gegeben werden. Das Interesse der türkischen Sammler an internationaler Kunst ist gut, allerdings noch nicht so durchschlagend, dass am Ende auch gekauft wird. Bei den vielen türkischen Ausstellern jedoch gab es durchweg zufriedene Gesichter. Ihre einheimischen Sammler haben sich bei ihnen anscheinend gut eingedeckt. Der türkische Kunstmarkt ist noch nicht so weit, dass er aus eigener Kraft eine solche Veranstaltung stemmen kann. Ohne die aus dem Ausland angereisten Käufer sähe es für nicht türkische Aussteller bitter aus.

Das Land leidet an der politischen Situation in Syrien und dem Irak. Allein aus Syrien sollen sich circa 2 Millionen Flüchtlinge in der Türkei aufhalten. Viele von ihnen verdingen sich als Bettler in Istanbul und Ankara. Aber auch die innenpolitische Lage um den Alleinherrscher Erdogan, der vor zwei Jahren mit seinen Bauplänen am Gezipark die gesamte Türkei an den Abgrund verfrachtete, macht den Türken zu schaffen. Innerhalb kürzester Zeit ist es ihm gelungen, das wirtschaftlich aufstrebende und gesellschaftlich aufgeschlossenere Land in eine große Krise zu manövrieren. 'Mit demokratischen Mitteln werden wir den nicht mehr los', berichtet uns eine Türkin. Man hofft auf seine baldige Entsorgung auf natürlichem Weg und wünscht ihm einen schnellen Tod. So tief sitzt die Verletzung in die der Despot sein zur Blühte erwachtes Land stürzte. Noch genießt er große Unterstützung aus der Landbevölkerung, die ihm zu seiner satten Mehrheit bei der Wahl zum Staatspräsidenten verholfen hat. In den Städten allerdings schwindet die Zuneigung. Erdogan hat sein Land gespalten. Deutlich sichtbar sind die Wunden in Istanbul.

Veranstaltungen wie zum Beispiel die 'Istanbul Contemporary' sind temporäre Oasen, in denen sich die fortschrittlichen und nach Freiheit strebenden Türken für einen zeitlich begrenzten Zeitraum in ihren Träumen wähnen. Dort wird gezeigt, was draußen in der Stadt nicht möglich wäre; nackte Haut in unverfänglicher Pose. Erotische Bildinhalte sind besonders beliebt. Nicht so sehr für den Erwerb, so weit ist man noch nicht, aber zum Ansehen. Vielleicht ist dies ja auch mit ein Grund, warum die Messeveranstaltung überdurchschnittlich gut besucht ist. Das Geschäft hingegen eher mager war. Noch ist es ein langer und weiter Weg zur Demokratisierung im Land. Möglich werden kann dies erst dann, wenn der Staat die Kirchen wieder in die Schranken weist. Das größte Unheil kommt von ihnen.

Vieles von dem im Argen liegenden, wird erst auf dem zweiten Blick deutlich; durch Gespräche und intensive Beobachtung. Will man das nicht, dann ist Istanbul eine der aufregendsten Städte unseres Erdballs. Gerade wegen ihrer Schnittstelle zwischen  Orient und Okzident, wegen ihrer Jahrtausende alten Geschichte vom alten Byzanz über Konstantinopel zum heutigen Istanbul, ist die Stadt zeitgeschichtlich so interessant. Die historischen Spuren sind allgegenwärtig, und der Mix mit den Positionen der Gegenwart, schafft ein aufregendes Spannungsfeld in einem einmaligen Stadtbild.

 

Zum absoluten Höhepunkt der Istabul Reise wurde eine Ausstellung von Bernd Kirschner, die am vergangenen Freitag in den Ausstellungsräumen der Bahcesehir Universität eröffnet wurde. Unter dem Titel 'Relations' wurde vom Kurator Jochen Proehl eine ansehnliche, kleine aber umso feine Ausstellung inszeniert. Sämtliche Arbeiten konnten im Rahmen einer Sonderbesichtigung in gute Hände gegeben werden. Anlass genug, um den Erfolg hinterher gebührend zu feiern.

Aus Deutschland wurde vernommen, dass sich die Bayreuther Festspiele mit sofortiger Wirkung 'vom Skandalkünstler Jonathan Meese' getrennt haben (Nürnberger Nachrichten). Angeblich sind die Gründe rein finanzieller Art. Für die für 2016 geplante Neuinszenierung des 'Parsifal' sollte er das Bühnenbild schaffen. Mit geschätzten 4 Millionen Euro sprengt er den finanziellen Rahmen um ein Vielfaches, und die Spendenbereitschaft aus der Sammlerschaft zum Stemmen dieses Projektes ist gleich null. Die Notbremse wurde gezogen, heißt es offiziell. Hinter den Kulissen vermutet man allerdings, dass man mit der Kündigung auch 'die Sorge los sei, dass der Künstler Meese rund um seine Inszenierung in Bayreuth womöglich mit Nazi-Symbolen hantieren könnte', steht es in den 'Nürnberger Nachrichten' vom vergangenen Samstag. Womöglich ist dies der eigentliche Grund für seine Kündigung.

Schade, für die Reputation Meeses wäre der Auftritt in der Wagnerstadt ein Meilenstein geworden. Besonders im Hinblick auf eine tiefergreifende Sicht auf sein enormes künstlerisches Werk.