Michael Schultz Daily News Nr. 810

Michael Schultz Daily News Nr. 810

Istanbul, den 14. November 2014

 

die 'Kunstwelt blickt nach Nürnberg' betitelt heute die 'Nürnberg Zeitung' ihren Aufmacher auf der Seite 1. Dort wird am Abend im Neuen Museum eine Gerhard Richter-Ausstellung mit Meisterwerken aus der Berliner Sammlung von Ingrid und Georg Böckmann eröffnet. Doch nicht nur die Frankenmetropole steht in dieser Woche im Fokus des Kunstgeschehens; bei Christie's in New York wurden am Mittwochabend in einem Blockbuster Sale sage und schreibe 853.000.000 Millionen US-Dollar Umsatz gemacht. Das sind mehr als 30% des albanischen Staatshaushaltes. Der Kunstmarkt erreicht nie erträumte Höhen. Ein weiteres Mal wurden den vielen Zweiflern die Argumente entzogen; mehr Stabilität und bessere Renditen gibt es augenblicklich nirgendwo.

Die beiden heiß diskutierten Warhol-Werke aus dem Aachener Spielcasino brachten es auf stolze 81.925.000 Dollar für den 'Triple Elvis', und weitere 69.605.000 US-Dollar für die 'Four Marlons'. Ein unbetiteltes Werk von Cy Twombly erreichte ebenfalls knapp über 69 Millionen US; Bacons sitzende Figur schaffte es mühelos auf 44.965.000 Dollar; Kippenberger bekam bei 22.565.000 US den Zuschlag. Für Gerhard Richters Abstraktion von 1987 wurden 31.525.000 US bewilligt, und für eine 62 x 62 cm große Verwischung von 1997 müssen stolze 8 Millionen US-Dollar belegt werden, usw. usw.

Die New Yorker Auktionsergebnisse stabilisieren nicht nur das Geschäft im sogenannten 'Blue Chip'-Bereich; die Rekordergebnisse schlagen durch bis hin zur ganz jungen Kunst, schaffen Nachfrage und drehen auch dort das Preisgefüge ein wenig nach oben. Positive Nachrichten stimulieren und schaffen Neugierde. Speziell im Geschäft mit der Kunst. Aber auch die jüngeren Künstler sorgen in dieser Woche für positive Schlagzeilen. In der Rostocker Kunsthalle wird am Sonntag die bisher umfangreichste Einzelausstellung von Norbert Bisky eröffnet. Ulrich Ptak, Chefkurator, hätte das Projekt schon gerne vor knapp 10 Jahren realisiert gehabt, aber damals war der Künstler noch nicht bereit, seine Kunst im Osten der Republik zu zeigen. Umso erfreulicher, dass es jetzt klappt.

In der kommenden Woche geht der Ausstellungsmarathon weiter: SEOs neue Reisfelder werden am Mittwoch bei Wetterling in Stockholm eröffnet, und am Sonntag zeigt sie unter dem Titel 'Das Gefühl in meinem Inneren' eine eindrucksvolle Rauminstallation im Koblenzer Ludwig Museum. Parallel dazu zeigt das Museum in einer weiteren Einzelausstellung unter 'Distorted Moments' eine Übersicht über das aktuelle Schaffen von Andy Denzler.  Beide Ausstellungen werden am Sonntag, dem 23. November um 11 Uhr eröffnet. In unseren beiden Berliner Galerien eröffnen wir am Samstag nächster Woche zwei Einzelausstellungen von Stephan Kaluza und Bernd Schwarzer. Eine aufregende Arbeitswoche steht bevor, über die wir in unserem Newsletter ausführlich informieren werden.

Doch noch sind wir in Istanbul. Auch die Bosporus-Metropole steht in dieser Woche im Zentrum des Kunstgeschehens. Nach der opulenten Preview der 'Contemporary'-Kunstmesse ging es gestern ein wenig gemächlicher zu. Die Damen der feinen Gesellschaft okkupierten die Messehallen und schlenderten im Freundeskreis gemächlich über den Parcours. Die Kunst war eher nebensächlich; Frau genoss ihre Freiheit im Spirit der aufgeschlossenen Kunstwelt; und man sah es ihnen förmlich an.

Alles was weiblich, über 50 ist und zur feinen Istanbuler Gesellschaft gehört, traf sich gestern zum Tête-à-Tête  auf der Kunstmesse. Für die Damen ein willkommener Anlass, für einen Augenblick ohne die Beobachtung ihrer Männer ihre Freiheit zu genießen.

Künstlerische Anregungen zum Prostest gegen das weit verbreitete Patriarchat bemerken sie erst gar nicht, und wenn, dann lässt es sie kalt. Sie hinterlassen den Eindruck glücklicher Frauen, die sich mit ihrer untergeordneten Rolle nicht nur abgefunden haben; sie fühlen sich geradezu wohl in ihr. So zumindest hinterlassen sie ihren Eindruck. Und wenn es dann mal zur Sache geht, dann konzentriert sich ihre geballte Wut auf Ministerpräsident Erdogan. Er alleine ist für die alltägliche Tyrannei verantwortlich; ihre Männer führen allenfalls aus, was die Regierung an Demütigung fordert. Zu ihnen blicken sie respektvoll auf.

Die Widersprüche in der türkischen Gesellschaft sind besser nicht ablesbar als in der familiären Keimzelle. Dort findet zwischen Mann und Frau ein immerwährender Machtkampf statt, den er auf der Straße und sie im Bett gewinnt. Ihre Stärke ist die Verweigerung, auch wenn sich daraus nicht selten eine Nebenbeziehung ihres Gatten entwickelt. Er treibt es mit dem Taxifahrer, heimlich auf Parkplätzen, dafür hat sie die Oberhoheit zuhause. Draußen auf der Straße zeigt sie ihm wiederum  ihre Demut,  indem sie ihm mit dem Respekt gebietenden Abstand von einigen Schritten folgt. Niemals neben ihm oder gar vor ihm. Das wäre zwar nicht ihr Todesurteil, die Züchtigung erfolgt per Peitschenhieb.  So zumindest geht es in den stark religiösen Vierteln um den Galataturm zu.  

Der Blick hinter die Kulissen verdeckt aber keineswegs den Charme einer an- und aufregenden Großstadt. Mehr als 18 Millionen Einwohner leben dort, ein kultureller Schmelztiegel, in dem sich so gut wie jede arabische Volksgruppe wiederfindet. Und das macht das Stadtbild so charmant. Den Aufgeklärteren bieten die Stadtväter André Rieu, der mit seinem Johann Strauß-Orchester bei uns zuhause als Udo Walz der seichten Muse den Eingang in die Musikgeschichte verpasste. Am Bosporus ist er ein Star. Hat auch was.