Michael Schultz Daily News Nr. 809

Michael Schultz Daily News Nr. 809

Istanbul, den 13. November 2014

 

fast vollzählig erschienen die Schönen und Reichen Istanbuls  gestern Nachmittag zur Eröffnung der neunten Auflage der 'Contemporary Istanbul'. Nirgendwo im internationalen Messezirkus ist bei solchen Anlässen die Louboutin-Dichte so groß wie hier. Von fast jedem hochhackigen Damenschuh leuchtet das knallige Rot ihrer Schuhsohlen. Und schön sind die Frauen hier; ein wahrer Augenschmaus. 'In der Türkei gibt es die schönsten Frauen' behaupten mit Recht die türkischen Männer; sie selbst sind dafür entweder feuchthändige Looser oder selbstverliebte Obermachos. Auch wenn die offizielle Türkei bei der Verfolgung gnadenlos und ohne Pardon vorgeht, ist ihr Hang zum eigenen Geschlecht unübersehbar. 'In Istanbul ist jeder zweite Mann schwul' berichtet ein Insider, 'wir leben in einer geduldeten, sogar geschätzten, Zwischenkultur. Aber offiziell gibt es uns nicht'. Prostitution ist verboten; erlaubt ist diese nur, wenn sie von Transvestiten angeboten wird. Eine wahrlich salomonische Lösung.  

Noch waren die Scharen nicht in der Messehalle. Blick auf den großzügigen Eckstand, den wir gemeinsam mit der Münchner Galerie Kampl bestreiten. Bereits zur Eröffnung gab es die ersten Reservierungen: drei Kleinformate von SEO und ein Diptychon von Andy Denzler konnten in gute Hände abgegeben werden. Ein guter Auftakt, der auf eine erfolgreiche Messe hoffen läßt.

Das gesellschaftliche Leben in der Türkei findet am Esstisch statt, doch die Regeln sich darin zurechtzufinden sind für Fremde schwer zu ergründen. Die Gastfreundschaft ist sprichwörtlich, es wird aber großen Wert auf die Etikette gelegt. Dabei gilt es einiges zu beachten, will man den Stolz und die Ehre des Gastgebers nicht verletzen.

 

Wird man beispielsweise privat eingeladen, ist es unabdingbar mit einem Geschenk dort aufzutauchen. Dieses wird nicht wie bei uns üblich der Ehefrau übergeben, sondern dem Hausherrn. Bei der Begrüßung ist sorgsam darauf zu achten, dass zuerst die älteren Anwesenden begrüßt werden, und dann die jüngeren. Grundsätzlich müssen am Eingang die Schuhe ausgezogen werden und hinsetzen darf man sich erst nach Aufforderung. Der Platz, der am weitesten von der Eingangstür entfernt ist, gilt als besonders ehrenvoll. Die größte Ehre allerdings wird zuteil, wenn man direkt neben dem Gastgeber platziert wird. Diese Regeln gelten auch bei einer Einladung ins Restaurant.

Große Freude kann man seinem Gastgeber bereiten, wenn man viel und lange isst. Dem kann man sich ohnehin kaum entziehen, weil ständig nachgereicht wird. Wer wirklich nicht mehr kann, signalisiert dies dadurch, dass er sein Besteck deutlich zur Seite legt und mit dem Stuhl ein sichtbares Stück vom Tisch weg rückt. Wer wirklich pappsatt ist, sollte sich tunlichst davor hüten, das Essen zu loben, tut er dies dennoch, wird der Teller nochmal aufgefüllt. 

Die türkische Küche ist sehr vielseitig und das Essen wird in der Regel immer frisch zubereitet. In jeder guten Küche findet man den Holzkohlengrill, und auf ihm können die Türken zaubern. Ob Lammkotlett oder Hühnerbrust, gekonnt wird das Fleisch so zart gegart, dass es auf der Zunge zergeht. Schmackhafter geht es wirklich nicht.

Die bekanntesten türkischen Grillspezialitäten sind der mit Zwiebeln, Tomaten und Fleisch am Spieß gebratene Sis Kebab, sowie der auch bei uns weitverbreitete Dönerkebab. Dazu gibt es reichlich Beilagen wie Bulgur, Salat, Reis, Joghurt und grüne Bohnen. Überhaupt nicht zu vergleichen ist die Qualität mit dem in Deutschland Angebotenen. Das türkische Nationalgericht schmeckt hier würziger und die Substanz des Hammelfleischs ist bissig, groß und zart zugleich. Eine Meisterleistung der Kochkunst. 

Alleinreisende Frauen haben es in der Türkei schwer; auch beim Essengehen. Wer ohne Partner zu Tisch geht, gilt dort als Freiwild, wird bis ans Unerträgliche begafft und gescannt. Ein wenig Schutz bietet eine dunkle Sonnenbrille; mit ihr wird nicht nur ein Teil des Gesichts verdeckt, sie ermöglicht auch die unauffällige Beobachtung ihrer Beobachter. Den ganz Sensiblen wird empfohlen, gänzlich auf freizügige Kleidung zu verzichten. Wer als Mann von keinem Mann angemacht werden will, dem empfiehlt die Community den Verzicht von ätherischen Parfumzusätzen. Das ist total verpönt. Gut und stark riechen, und schon klappt's.  

 

 

 

 

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