Michael Schultz Daily News Nr. 808

Michael Schultz Daily News Nr. 808

Istanbul, den 12. November 2014

 

in atemberaubendem Tempo hat sich die Türkei in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu der führenden Touristikdestination Europas entwickelt. Zwischen Orient und Okzident, im Grenzbereich zweier Kontinente, fühlen sich ganz besonders die deutschen Urlauber recht wohl. Von der Jungendherberge bis zu den Sieben-Sterne-Hotels, die an den erschlossenen Küsten im Westen und Süden des Landes ihre Gäste in nie gewohntem Luxus bewirten. Alles was das Herz begehrt und der Geldbeutel erlaubt, bietet das Land. Für jeden etwas und davon reichlich.

Seit mehr als 4000 Jahren war die Türkei und ihre Vorgängerstaaten die Heimat verschiedener Weltkulturen. Beim Blick in die Geschichte des Landes findet man noch heute aus den unterschiedlichsten Epochen aufregende und interessante Fundstücke. Im legendären Troia, der sagenumwobenen und bekanntesten Ausgrabungsstätte, werden fast täglich noch immer Relikte aus der einstigen Festungsstadt geborgen. Lange  wurde an der wahren Geschichte Homers gezweifelt; heute weiß man, dass sich seine Beschreibungen auf tatsächliche Vorkommnisse berufen. 

Einblicke in altgriechische Niederlassungen erhält man in den Grabungsstätten von Pergamon, Priene und Milet. In Ephesus, Aphrodisias und Aspendos wird mit den noch gut erhaltenen Antiktheatern an die römischen Besatzer erinnert. Für die großen Epochen der Seldschuken und Osmanen stehen die prächtigen Moscheen mit ihren schlanken Minaretten, üppig ausgestattete Paläste sowie zahlreiche Koranschulen, Totenpaläste (Türben) und Badehäuser, die sich über das ganze Land verteilen. (Baedeker)

Doch nicht nur in den geschichtsträchtigen ländlichen Regionen wird der tiefe Blick in die glorreiche Vergangenheit des Landes geliefert; in den Großstädten Ankara und Istanbul sind die Spuren der Vergangenheit allgegenwärtig. Ein türkisches Sprichwort besagt, dass 'die Steine und der Boden Istanbuls aus Gold sind'; gefundene Artefakte aus früheren Jahrtausenden belegen dies, heute ist es der wirtschaftliche Erfolg, der diesem Satz sein Recht verleiht.  

Doch nicht alles geht dort mit rechten Dingen zu; in Erinnerung haben wir den heiß umkämpften Gezi Park, der von den Gehilfen Erdogans in ein Kaufhaus verwandelt werden sollte. Der Staat musste dem Protest aus der Bevölkerung nachgeben; bis heute ist dort noch kein Stein auf dem anderen. Wer in Istanbul keine Baugenehmigung bekommt und zur Clique des Staatschefs gehört, der fängt einfach an zu bauen. Die Sünden sind im gesamten Stadtbild sichtbar und sehen dann so aus wie das auf dem Foto abgebildet.

 

Beim frühmorgendlichen Blick auf den Bosporus sind die allgegenwärtigen und von Erdogan und seinen Freunden verursachten Bausünden der Stadt zu sehen. Der große Turm links beheimatet das Ritz Carlton Hotel; ein Schwarzbau, für den eine historische Parkanlage verschandelt wurde.

Ein wirklich großes Problem im Land stellt die Korruption dar. Noch heute, inmitten einer zivilisierten Weltgemeinschaft, zu der die Türkei ohne Frage gehört, wird unter den unmöglichsten Vorwänden und wo es nur geht die Hand aufgehalten. Besonders brutal dabei sind die Transportunternehmen, diese nutzen den Zeitdruck ihrer Kunden aus und fordern mit erpresserischen Methoden Zölle die es gar nicht gibt. Weil die 'Istanbul Contemporary' in einem Kongresszentrum veranstaltet wird, sollten wir für unsere Messebeteiligung  3% Ausstellungszoll entrichten. In bar oder es wird nicht geliefert. Als geklärt war, dass diese Steuer (sofern es sie überhaupt gibt) auf uns nicht zutrifft, wurde kurzerhand und ohne dabei rot zu werden die Forderung in eine Carnet-Steuer umgewandelt, eine Steuer auf ein Zollpapier, das uns ausdrücklich von Zöllen befreien soll. Wer standhaft bleibt gewinnt am Ende, doch dazu braucht man starke Nerven.  

Heute wird die Messe eröffnet. Bereits um 11 Uhr werden die Türen für die Special VIPs geöffnet. In diesem Jahr stellen wir erstmals in Gemeinschaft mit der Münchner Galerie von Matthias und Gabriele Kampl aus. Eine spannungsreiche Präsentation unterschiedlicher malerischer Positionen, mit dabei sind  Mohamad-Said Baalbaki, Bong-Chae Son, Andy Denzler, Johanna Flammer, Burkhard Held, Bernd Kirschner, Helge Leiberg, Minyoung Park, Rebecca Raue, Römer + Römer, Cornelia Schleime, SEO und Alireza Varzandeh. Parallel zur Messe findet in der Universitätseigenen 'BAU Art Galerie' eine von Jochen Proehl kuratierte Einzelausstellung von Bernd Kirschner statt.   

Wer in unserer Gesellschaft, zu Hause in Deutschland, mit ehrlicher Arbeit  zu Wohlstand kommen will, der muss schuften wie ein Kümmeltürke. Eine Auszeichnung, die nur wenigen zuteilwird. Wer als Deutscher wie ein Kümmeltürke saufen kann, für den ist auch dies eine Auszeichnung. Sobald der Ausdruck jedoch in Beziehung mit einem Türken gebraucht wird, ist er ein Schimpfwort. Im Ruhrgebiet im Speziellen, aber auch die Österreicher verwenden ihn noch immer recht gern. Der Ursprung kommt aus Halle an der Saale; dort wurde bis ins 18. Jahrhundert im Umland viel Kümmel angebaut, und jeder, der sich in der Großstadt nicht zurechtfand, wurde zum Kümmeltürken. Besonders beliebt war der Spruch unter Studenten. 'Türkei' war seinerzeit die Bezeichnung für Landstriche, die trostlos und wenig erbaulich waren.

Nicht zu vergleichen mit der wahren Türkei. Morgen geht's weiter, und bis dahin einen schönen Mittwoch. Wo immer er auch gelebt wird.