Michael Schultz Daily News Nr. 807

Michael Schultz Daily News Nr. 807

Istanbul, den 11. November 2014

 

aus  mehreren deutschen Onlineportalen ist heute zu erfahren, dass die Bundesregierung wegen der gespannten Beziehungen zu Russland ihr Heer aufrüsten will. Geplant ist der Ankauf neuer Radpanzer. Das Verteidigungsministerium beabsichtige ab 2016 die Beschaffung von 131 zusätzlichen Fahrzeugen des Typs ˈBoxerˈ für insgesamt etwa 620 Mio. Euro, berichten unisono ˈFAZˈ, ˈHandelsblattˈ und der ˈSpiegelˈ.  Die vorgeschobene Bedrohung aus Moskau reicht wohl aus, um das Paket im Parlament durchwinken zu können. Annährend 300 Mio. Euro wurden bereits im Haushalt freigeschaufelt, weil sich die Übernahme von vier Fregatten verzögert. Der Haushaltsausschuss des Bundestags wird die Beschaffung der Radpanzer  genehmigen, und die Opposition kündigt ihren Widerstand an. Die Bundeswehr hätte die Panzer sicherlich auch ohne den Verweis auf die russischen Aggressoren bekommen; das Material ist veraltet und nur bedingt verteidigungsbereit. Muss ohnehin ausgewechselt werden. Doch die Beschaffungsbegründung nährt den Humus für den Wunsch nach einem neuen Kalten Krieg. Gut möglich, dass sich unsere Politiker wieder nach Klarheit sehnen: da Ost hier West. Schwarz-Weiß-Denken ist wieder angesagt, das macht vieles einfacher.      

Auf dem Hamburger Parteitag der AfD wurde ein weiteres Mal der Beweis abgeliefert, welch Gedankengut sich in der dunkelbraun verseuchten Partei verbreitet hat. Laut AfD-Mitglied Claus Döring war die Demonstration ˈHooligans gegen Salafistenˈ in Köln eine friedliche Demonstration. Döring, der sich selbst als Hooligan bezeichnet und an der Demonstration teilgenommen hatte, löste damit bei dem Großteil der Delegierten  Protest und  Unmut aus. Ein sichtlich aufgebrachter Landeschef  erklärte, die AfD distanziere sich von jeder Form der Gewalt, vor allem gegen Polizeibeamte. Man versuche nun, den Hooligan aus der AfD auszuschließen. Doch solange die AfD mit offener Unterstützung der gewaltbereiten Straßenkämpfer auf Stimmenfang geht, wird sich an der Struktur der Mitglieder nichts verändern. Das Programm wird gewählt, nicht die Potentaten.

Die Berliner Hauptstadt wird bald einen neuen Regierenden bekommen. Einstimmig (!) haben die Genossen den bisherigen Stadtentwicklungssenator Michael Müller zum Kandidaten gewählt. Die Parlamentsabsegnung erfolgt am 11. Dezember  und wird wohl zur reinen Formsache. Der farblose, dafür aber zielstrebige SPD-Politiker will es richten und in den kommenden 2 Jahren die Stadt wieder auf Vordermann bringen. So jedenfalls tritt er an. Seine größte Herausforderung sei die Fertigstellung des neuen Flughafens.

Mit Klaus Wowereit verliert die Stadt den letzten charismatischen Politiker. Sein Nachfolger Müller, dem man beim Lächeln die Anstrengung förmlich ansieht,  verkörpert wie keiner das aktuelle Berlin. Grau in grau sind die Farben der Hauptstadt; zumindest im offiziellen Berlin. Sobald man den offiziellen Part der Stadt verlässt, ist Berlin bunter, aufmüpfiger und lebendiger als sonst wo im Land. Gott sei Dank.

Bestes Beispiel für das farblose Geschehen Berlins ist auch ist die Vereinsleitung des Berliner Bundesligisten Hertha BSC (Der Berliner spricht ˈBE - ES - SCEEˈ). Vor kurzem noch kam man in den Genuss von 65 Millionen Euro, doch satt das Geld in den Kader zu stecken, liegt es auf der hohen Kante. Dort bringt es zwar keine Zinsen, aber es ist sicher.

 

Gestern Abend traf man sich zur Hauptversammlung. Der Eilantrag eines besorgten Mitglieds, zur Absetzung der gesamten Vereinsleitung, wurde wegen Unsittlichkeit bereits im Vorfeld abgewiesen. So was gehört sich doch nicht. Am Stuhl des Trainers wird dennoch weiter gesägt, und bei allen Treuebekundungen steht der Wunschkandidat als Nachfolger schon fest. Christoph Daum (Foto rechte Seite) sprach am vergangenen Freitag in Berlin vor. Noch ist alles geheim, aber noch ein, zwei weitere Niederlagen und der blasse Holländer Jos Luhukay muss gehen. Von Daum wissen wir, dass auch er kaum Farbe im Gesicht hat, aber genau deshalb passt er zu Berlin. Ob er kommt liegt an ihm; im farblosen offiziellen Berlin wäre er vielleicht sogar ein kleines Farbtupferl. Am Abgang vom in der Stadt zuletzt wenig geliebten Klaus Wowereit werden die Berliner noch lange knappern. Bunter und weitsichtiger ging's kaum noch.

 

In Istanbul wird morgen die 'Contemporary Istanbul' eröffnet. Mehr darüber, aber auch über das Leben und die Leidenschaft in der Türkei, berichten wir ab morgen.