Michael Schultz Daily News Nr. 806

Michael Schultz Daily News Nr. 806

Berlin, den 10. November 2014
 
Liebe Freunde,
 
gestern also haben wir die fünfundzwanzigste Wiederkehr des Mauerfalls gefeiert. Besonders in Berlin ging es emsig zur Sache; zwischen Reichstag und Potsdamer Platz war das Epizentrum der Feierlichkeiten, und jeder der gestalterisch daran teilhaben durfte, gab sein Bestes. Die Wurstbuden rüsteten für diesen Tag besonders einfallsreich auf und boten zur Soljanka eine schmackhafte 'Mauerboulette'. Die langen Wiener wurde als 'Grenzstreifen' ins Brötchen gelegt, und zum Aufwärmen gab es die 'Ulbricht-Lauge', ein weißgebrühter, durchsichtiger Filterkaffee, der kochend in den Plastikbecher gegossen wurde. Ziemlich schräg und dennoch witzig und ausgelassen präsentierten sich die Berliner Budenbetreiber; und gut drauf waren sie auch. Der Berliner, der ja gemeinhin ja nicht vor Freundlichkeit strotzt, gab sich gestern von seiner besten Seite; es lag am Ereignis, aber letztlich war es die Kasse, die für gute Laune sorgte.
 
Ganz anders erlebte man die Stadt dort, wo Dienstleistung und Hilfestellung gefragt wurden. Zur Feier des Tages durften wohl die Pagen im angesagten Westberliner 'Kempinski' etwas länger schlafen; in der Früh um 7.45 Uhr war weit und breit keiner von ihnen dienstbereit. Die Gäste mussten ihre Koffer alleine nach draußen schleppen. In Tegel, am Berliner Flughafen, gab es zum Jahrestag des Mauerfalls so gut wie keine freundlichen Gesichter, jeder, mit dem man zu tun hatte, war gestresst und wirkte unhöflich. Und das in der Früh um acht Uhr.
 
Besonders dort, wo wir Deutschen es mit Fremden zu tun haben, zeigen wir uns gerne von unserer ekelhaftesten Seite. Am Cash Refund Counter der Zollbehörden in Tegel wird die Gemengelage stets deutlich zelebriert: der Staat demütigt, und das tut er mit jeder Geste, jedem Blick und jeder Frage. Die Bittsteller haben das Maul zu halten, tun sie das nicht, werden sie unter irgendeinem Vorwand zurück an das Ende der Warteschlange manövriert. Wenn die Zollbeamten richtig gut drauf sind, dann schicken sie ihre Kunden wieder weg, wenn sie wegen des Nichtverstehens einer Frage deren Wiederholung wünschen. Feixend blicken sie zum Kollegen, der sich dann immer mitfreut. 
 
Wegen ihrer mangelhaften Fremdsprachenkenntnisse haben die Beamten permanente Verständigungsprobleme. Das schafft Stress, nicht nur bei ihnen, sondern auch bei den ohnehin unter Zeitdruck stehenden Reisenden. Gepäckstücke stehen wild durcheinander, wegen der Enge dort geht das gar nicht anders. Diese  werden von den herumstreuenden Polizeibeamten als herrenlos eingestuft, und dann werden laut und aggressiv die Besitzer herbeibgebrüllt. Mit Händen und Füßen und alles in Deutsch. Dort, wo man unsere Sprache am wenigsten versteht. Eine ältere Dame, die ihr Gepäck vermisst, wird weinend aus dem Lost and Found Counter geschoben: 'Ich bin jetzt 11 Stunden im Dienst und muss jetzt nach Hause' brüllt ihr eine Servicemitarbeiterin hinterher.
 
Man schämt sich nicht nur ein wenig, man schämt sich in Grund und Boden. Erst recht wenn man einen ausländischen Gast auf dem Weg durch die staatlichen Dienstleister begleitet. Wer viel von uns in der Welt unterwegs ist, der weiß wie es anderswo zugeht. Nirgendwo anders als bei uns zeigt die Dienstleistung dem Kunden deutlicher wer oben und wer unten ist. Ob privat oder staatlich, das macht kaum einen Unterschied. Viele Arbeitsplätze in diesem Bereich wurden an Frustrierte, vom Leben Bestrafte vergeben. Sie stecken in Uniformen, die nicht richtig sitzen,  ihnen aber Macht verleihen. Und diese nutzen sie. Im Übermaß. Sich ihren Anweisungen zu widersetzen, ist sinnlos. Lieber verzichtet man auf die gesetzlich verbriefte Rückerstattung der Mehrwertsteuer, als dass man sich zum vierten Mal wieder hinten in der Schlange anstellt.
 
Einzig die Kassiererin im Zeitungsladen lächelte gestern früh. Schade nur, dass der ausländische Gast diese Geste der liebevollen Dienstbarkeit nicht erleben konnte. Völlig genervt saß dieser schon in seinem Flieger. Nichts wie weg hier. Bestimmt wird er wiederkommen; vorsichtiger und ängstlicher, und damit verliert auch er sein Lächeln. Zu hoffen bleibt, dass diese schleichende Mutation zur Unfreundlichkeit ein Ende findet. Wenn dieser Kreislauf nicht unterbrochen wird, sieht die Menschheit in 200 Jahren ziemlich düster aus.
 
In der asiatischen Welt wird selbst Unangenehmstes mit einem Lächeln serviert. Wenn man hingegen unseren Politikern in die Gesichter schaut, kann man erahnen woher die Miesgrämigkeit im Volk kommt. Alles. was die so von sich geben, muss mit ernster Miene vorgetragen werden, wer dies nicht tut, wird als 'Leichtfuß' gebrandmarkt. Und weil der gemeine Deutsche, sicherlich mehr als er es wahrhaben will, doch obrigkeitshörig ist, färbt dies eben ab. Irgendwoher muss er es doch haben.
 
Ab morgen kommen die Daylies aus Istanbul. Im Vergleich zu uns ist die Türkei in Sachen Dienstleistung eine Wohltat. Dafür gibt es dort an anderer Stelle deutliche Defizite.