Michael Schultz Daily News Nr. 805

Michael Schultz Daily News Nr. 805

Berlin, den 7. November

 

am Sonntag jährt sich zum 25igsten Mal der Fall der Mauer. Presse und Medien haben sich gut darauf vorbereitet und berichten seit Wochen über das Ereignis. Die mit der Gnade der frühen Geburt ausgestatteten erinnern sich noch genau wie und wo sie diesen geschichtsträchtigen Tag verbracht haben. Abzusehen, dass die Mauer fällt, war dies schon am 8. November. Diejenigen unter uns, die Helmut Kohl, unseren damaligen Kanzler, der zu einer Stippvisite in Warschau weilte, ohnehin nicht besonders mochten, waren empört darüber, dass er seine Polenreise nicht sofort abbricht und zum Mauerfall nach Berlin reist.

Zusammen mit Freunden verbrachte ich in der Nähe von Nürnberg den Abend des 8. November vor dem Fernseher. Wir wollten wissen, wie es weiter geht und ob das Mauermonster endlich zu Fall kommt. Am 9. in der Früh machten wir uns auf den Weg nach Berlin. Je näher wir der Grenze kamen, wurde der Autobahngegenverkehr  immer sparsamer. Dafür waren überall wo es möglich war, die Gulaschkanonen des Roten Kreuz', Malteser Hilfswerks und anderer Katastrophenverbände aufgestellt.

Auf den letzten Kilometern bewegte sich auf der Gegenspur nichts. Nachdem wir den Grenzposten erreicht hatten, wussten wir warum: eine ca. 20 Kilometer lange Trabischlange verstopfte die Passierstelle. Die DDR-Grenzer waren verunsichert und ließen an diesem Morgen noch keine Autos durch. Uns bot sich ein tränenreiches Bild; die Hoffnung, aber auch die Verzweiflung, ob es mit der Reise in die Westen klappen wird, war aus den Gesichtern der Autoinsassen abzulesen. Kilometerlang fuhren wir an dieser Schlange entlang; hupten, winkten und weinten.

Am Abend des 9. November eröffneten die Berliner Galerien den 'Art Express' - ihre erste gemeinsame Kunstmesse im Schloss Charlottenburg. Besucher kamen so gut wie keine, dafür waren die wenigen, die sich in dieser bitterkalten Nacht dorthin auf den Weg machten, im Kaufrausch. Die Freude über den Fall des antifaschistischen Bollwerks stimulierte die Wessis genauso wie die Brüder und Schwestern aus dem Osten. Aber eben auf eine andere Art.

'Ausgerechnet zum Vierteljahrhundert-Jubiläum' schrieb die 'Neue Zürcher Zeitung' gestern, 'beschert die Dramaturgie des Zufalls eine Rentrée der ominösen Art'. Die Mitglieder des thüringischen SPD-Landesverbands haben mehrheitlich ihre Zustimmung für Koalitionsverhandlungen mit der Linkspartei gegeben. 'Damit hat sich das Tor zur Wahl des ersten linken Regierungschefs in der Bundesrepublik weit geöffnet', der gute Wille, ein solches Bündnis zu schnüren, sei bei allen Parteien zu spüren.

Damit dieses Politpaket auch gut verkauft werden kann, hat die linke Parteispitze noch schnell ihr Verhältnis zum Machtapparat der alten DDR retuschiert. Endlich kommt man der Begrifflichkeit des Unrechtsstaates ein wenig näher; nicht in Gänze, aber partiell drangsalierte die DDR ihre Bürger. So das offizielle Credo aus der Parteizentrale. Dies hört sich so an, als ob das Faschistenregime der Nazis so schlecht nun auch nicht gewesen sei; schließlich hat Hitler ja auch die Autobahn gebaut. Wir Wessis kennen diese Sprüche, die bis in die 70iger Jahre allgegenwärtig waren. Übersetzt auf das Unverständnis in der Linkspartei hört sich das so an: ja, wir hatten an der Grenze den Schießbefehl, hatten keine Reise- und Redefreiheit, dafür gab es ausreichend Kinderkrippen und das Recht auf Arbeit.

Wer also nicht reisen und nicht reden wollte, wer in Ruhe seiner Arbeit nachgehen wollte, für den war die DDR ein Paradies. Leider, oder auch Gott sei Dank, gab es im Osten genügend Menschen, denen das Privileg des unfreien Menschen zuwider war. Klaus Schwabe, einst ein gefeierter DDR-Parteibildhauer, sagte anlässlich eines 1988 im damaligen Westberlin veranstalteten Bildhauersymposiums: 'Reisen ist ein Privileg des Kapitalismus, und diesen verachten wir'. Schluss, aus, Punkt.

So einfach war dies damals. Heute würde man zu solch einem Stuss den Tisch verlassen, damals wurde stundenlang über diesen Schwachsinn diskutiert. Heutzutage strotzen die Funktionäre der Stasinachfolgepartei voller Selbstbewusstsein. Sie wollen Thüringen kippen; sozusagen zurück ins Reich holen. Der gemeine Ossi fühlt sich im wiedervereinigten Deutschland lange unterprivilegiert, mit der Wahl ihres ersten Ministerpräsidenten drängen sie zurück auf die Etage der Entscheider. Ihre Möglichkeiten sind begrenzt, deshalb also brauchen wir keine allzu große Angst vor ihnen zu haben. Wir Wessis haben uns Gott sei Dank schon lange für das Mitspracherecht unser Ost-Geschwister eingesetzt: der Bundespräsident, die Kanzlerin aber auch der Chef der Lokführergewerkschaft kommen aus  dem ehemaligen Osten. Alle drei nützen die Hebel des Rechtsstaats; und das tun sie gut. Wozu also brauchen wir die Partei der Ewiggestrigen überhaupt. Unzufriedenheit beseitigt man am wirkungsvollsten dort wo sie entsteht. Dass der Osten in Teilen auch nach 25 Jahren im Westen noch nicht richtig angekommen ist, liegt nicht nur, aber auch an den Demagogen der neuen thüringischen Regierungspartei.

Harte Worte zum Wochenende. Dafür soll es viel Sonne geben.