Michael Schultz Daily News Nr. 804

Michael Schultz Daily News Nr. 804

Berlin, den 6. November 2014

 

gerne erinnern wir uns noch an die großen Arbeitskämpfe der 70er und 80er Jahre. Da war Schmackes drin, und es war klar, um was es ging. Tagelang gab es keine Zeitungen, weil die Drucker mehr in der Lohntüte haben wollten; die IG Metall hatte die Republik in der Tasche, wenn es um die Verbesserungen ihrer Mitglieder ging. Die Gewerkschaftsführer kämpften an vorderster Front für die Rechte der Beschäftigten; niemals ging es um deren persönliches Profil.

Auch jetzt wird gerade mal wieder gestreikt: seit heute früh um 2 Uhr stehen die Waggons der Bahn und ihrer Töchter still, weil die Gewerkschaft der Lokführer die Macht ihres Chefs ausbauen will. Im Arbeitskampf geht es gar nicht so sehr um die Belange der Zugführer; es geht um die Betreuungshoheit für die Zugbegleiter. Claus Weselsky, der Chef der GDL, lässt seine Untertanen die Arbeit niederlegen und hofft, dass die Bahn klein beigibt und ihm die bislang vom Konkurrenzunternehmen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) betreuten Zugbegleiter als Spielmasse überlässt.

Ob das von denen überhaupt gewollt ist, ist in der Öffentlichkeit noch nicht richtig angekommen. Der Machtpoker, und dafür sprechen sämtliche Erkenntnisse, der Machtpoker dient ausschließlich der Erweiterung der Befugnisse für Claus Weselsky; ein Gewerkschaftsführer, der unsympathischer kaum sein kann. Der Versuch der Deutschen Bahn, den bis auf vier Tage angesetzten Streik noch abzuwenden, ist gestern gescheitert. Weselsky lehnte das Schlichtungsangebot der Bahn als Scheinangebot ab. Ihm gehe es nicht 'um Lohnerhöhungen oder Arbeitszeitverkürzungen' es gehe ihm 'um grundgesetzlich verbriefte Rechte der Gewerkschaften', sagte er. 

SPD-Chef Gabriel fordert unterdessen einen Schlichter. Auch die Deutsche Bahn und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter fordern vermittelnde Personen. Sigmar Gabriel sagte, der Lokführer-Streik sei kein Tarifkonflikt, sondern ein Machtpoker, ausgetragen auf dem Rücken von Hunderttausenden von Reisenden. Hofreiter kritisierte, dass sich die Tarifparteien verrennen. Gabriel forderte einen Schlichter oder Vermittler, um den drohenden Schaden für die Volkswirtschaft abzuwenden.

Für die deutsche Wirtschaft wird der Bahnstreik teuer werden. 'Forscher fürchten Kosten von 100 Millionen Euro täglich', schreibt die FAZ. Durchgängige Streiks, die mehr als 3 Tage dauern, führen in der Industrie zwangsläufig zu Produktionsunterbrechungen, prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Besonders hart wird es die Automobilindustrie treffen; Materialanlieferung, aber auch die Verfrachtung von Neuwagen wird zur Hälfte von der Bahn getätigt. Täglich rollen für die Autoindustrie rund 200 Züge durchs Land. Durch den Streik werden die Logistikabläufe erheblich gestört. 

Die Akzeptanz in der Bevölkerung für diese Auseinandersetzung liegt bei knapp über Null. So gut wie niemand findet das Verhalten des GDL Chefs Weselsky für angebracht. Am Sonntag finden die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls statt; Ironie des Schicksals, dass die Mobilität des vereinten Volkes ausgerechnet an diesem Tag eingeschränkt ist.