Michael Schultz Daily News Nr. 803

Michael Schultz Daily News Nr. 803

Hongkong, den 5. November 2014

 

das besondere an den Menschen in Asien ist ihre sprichwörtlich bekannte Freundlichkeit. Überall wohin man kommt, erlebt man eine herzliche Begrüßung mit einer zurückhaltenden, aber stets bereiten Dienstbarkeit. Ihr Lächeln ist allgegenwärtig; dies zu genießen kann zur Sucht werden. Wenn es mal knifflig wird, wird sorgsam darauf geachtet, dass das Gegenüber keinen Gesichtsverlust erleidet. Dass es aber auch richtig krachen kann, konnte ich gestern zwischen einem koreanischen Geschäftsmann und seinem Sekretär erleben. Wegen undeutlicher Aussagen zu einem Überweisungsvorgang wurde der Mitarbeiter derart zusammengestaucht, dass dies selbst in unseren Breitengraden Ehrverlust zur Folge hätte. Wegen der Unregelmäßigkeit hatte der Chef vor seinem Geschäftspartner sein Gesicht verloren; zu seiner Errettung musste der Angestellte herhalten. Anschließend bestiegen sie gemeinsam ein Taxi und winkten ihrem Geschäftsfreund so zu, als ob nichts gewesen ist.

Zum Exportschlager wurde der in die Geschichte eingegangene ostdeutsche Protestslogan 'Wir sind das Volk'. Auch die jungen Leute von der Hongkonger 'Occupy Central with Love and Peace'-Bewegung nutzen für ihre Zwecke diesen Spruch.


Tagsüber sind die Zelte der 'Occupy'-Bewegung leer. Erst am Abend kommen die jungen Leute zum Protest in ihre Zelte zurück.

Für die im Jahre 2017 erstmals angekündigte 'freie' Wahl verweigern sie die Annahme der aus Peking angekündigten Kandidatenliste. Sie wollen ihre eigenen Leute aufstellen. Auch wenn es zurzeit ein wenig ruhiger angegangen wird, so erlebt der Protest in der Bevölkerung nach wie vor starken Rückhalt. Getrieben wird die Bewegung nicht nur von jungen Studenten und Schülern; Abgeordnete, Akademiker und gewöhnliche Bürger unterstützen die Forderung. Mehr als 800.000 Bürger haben sich innerhalb kürzester Zeit in einem inoffiziellen Referendum für mehr demokratische Freiheiten ausgesprochen.

 

Neben seiner kulturellen Vielfalt gilt Hongkong als der Ort mit der vermutlich größten Restaurantdichte der Welt;  'sowohl auf die Fläche als auch auf die Einwohner bezogen' schreibt dazu der 'Baedeker'. Amtlich registriert sind rund 13.000 Speiselokale, in Wirklichkeit sind es wohl mehr als 15.000. Auch wenn hohe Strafen fällig sind, nicht jede Küche betreibt ihr Geschäft mit amtlicher Lizenz.


Die schmackhaftesten und größten Austern gedeihen in der Meeresenge zwischen Shenzen und Kowloon. Direkt unter der langen Brücke, die den Stadtstaat mit China verbindet, sind riesige Austernbänke angelegt. Auf den Nachtmärkten werden diese als 'Oyster Omelett' angeboten; einst ein Essen der ärmeren Bevölkerung, heute eine allseits beliebte Spezialität.

 Essentieller Teil der Alltagskultur ist Geld für gutes Essen auszugeben. Durchschnittlich trägt jeder Einwohner 17% seines Monatslohns ins Restaurant. Das ist deutlich mehr als der Einkommensanteil den die Menschen in Mitteleuropa insgesamt für Nahrung ausgeben. 

 

Und die Hongkonger sind leidenschaftliche Genießer: insgesamt 62 Michelin Sterne sind derzeit im Stadtgebiet verteilt. 44 mit jeweils einem Stern; 13 mit zwei Sternen und immerhin 5 mit der Höchstzahl von 3 Sternen. Doch nicht nur die mit Sternen ausgezeichnete feine Küche ist genießenswert: Hongkong gilt als das kulinarische Zentrum der kantonesischen Küche. Alle Zutaten sind von bester Qualität und werden immer frisch zubereitet. 

Besonderes Merkmal der  Küche ist der sparsame Umgang mit Gewürzen. Dem natürlichen Geschmack wird viel Bedeutung zugemessen; wem es zu lasch ist, kann über die zum Service gehörenden Würzmischungen sein Essen nachwürzen. Fische und alles andere was aus dem Meer angeboten wird, schwimmt vor dem Verzehr im Bassin. Frischer geht es nicht.

 

 

 
Kaum vorstellbar, aber wahr: für ein kleines, 200 Gramm schweres Päckchen dieser Weintrauben muss man in Hongkong umgerechnet 21 Euro zahlen. Die Früchte kommen aus Japan, sind nicht kontaminiert, und sollen laut Verkäuferin mit Kuhmilch aufgezogen worden sein. Weintrauben haben in Japan Kultstatus; Anfang Juli wurden 800 Gramm der Sorte 'Ruby Roman' für umgerechnet viertausend Euro versteigert. Pro Stück wurden demnach 130 Euro auf den Tisch gelegt.

Die großen traditionellen Restaurants nennen sich in Hongkong gerne Teehäuser. Das hängt damit zusammen, dass nicht nur zur kantonesischen Küche normalerweise Tee getrunken wird, sondern es verweist auch auf das Angebot von Dim Sum, spezieller angefertigter Teigmantelspeisen. Das Wort Dim Sum bedeutet 'Herztreffer' und bezeichnet damit die ganze Vielfalt an herzhaften wie süßen Appetithäppchen. Sie werden durch Dämpfen gegart und normalerweise im Dämpfkorb serviert. Gefüllt sind sie mit allerlei Leckereien: mit Garnelen, Schweinefleisch, Rippchen,  einer Mischung von alldem oder aber auch mit Lotuskernpaste und Sesamsamen. Je nach Inhalt wird der Teigmantel aus Reismehl; Weizenmehl oder aus der rhizomhaltigen Taro Pflanze hergestellt. Wenn Hongkonger zum Tee einladen, dann ist dies auch gleichzeitig eine Einladung zum Verspeisen von Dim Sum Bällchen.

Gerade kommt noch eine Eilmeldung über den Ticker: bei den gestern stattgefunden Wahlen haben die Republikaner die Mehrheit im Senat erobert. NBC, ABC und Fox News gehen auf Grundlage seriöser Hochrechnungen davon aus, dass 51 der 100 Sitze den Obama-Gegnern zugesprochen wurden. Für ihn wird das Regieren damit immer schwieriger. In der Champions League gewann Dortmund wiederum bravourös: Galatasaray Istanbul wurde mit 4:1 abgefertigt; die Borussen sind im Achtelfinale. Leverkusen gewann in St. Petersburg, heute spielen die Bayern gegen Rom und Schalke in Lissabon.

Mangelnde Berichterstattung über Hertha BSC und Hoffenheim wird in unserem Newsletter beanstandet; immer nur die Großen. Hoffenheim wird wohl die Klasse halten, für die seit jeher seuchengeplagten Herthaner wird es dieses Jahr schwer. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Morgen erscheinen wir wieder aus der Heimat.

 

 

 

 

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