Michael Schultz Daily News Nr. 801

Michael Schultz Daily News Nr. 801

Hongkong, den 3. November 2014
 
Liebe Freunde,
 
am Freitagnachmittag vergangener Woche wusste noch niemand, dass der Newsletter heute aus Asien kommt. Doch auch in unserem Job ist man vor Überraschungen nicht befreit, und weil Flexibilität oberstes Gebot für erfolgreiches Handeln ist, wurde diese Reise kurzfristig angeordnet. Und um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, das Wetter scheint augenblicklich in Deutschland weitaus freundlicher zu sein: Hier liegen die Temperaturen zwar so um die 23 Grad, dafür ist der Himmel voller Wolken, und von der Sonne ist nichts zu sehen. Die Reise wird übermorgen beendet sein, und es ist nicht zu erwarten, dass sich bis dahin der feuchte Dunst verzieht.
 
Ein schreckliches Ereignis beherrscht hier in Hongkong augenblicklich die Schlagzeilen. In einem Luxusappartement fand die Polizei gestern die verstümmelten Leichen von zwei Frauen. In einen Teppich eingewickelt und stark verwest fand man eine von beiden auf dem Balkon; die andere wurde dem Vernehmen nach am frühen Sonntagmorgen mit einem Messer brutal hingerichtet. Der Täter, ein 29 Jahre alter britischer Staatsbürger, der bis vor kurzem als Manager einer Bank arbeitete, informierte die Polizei selbst. Vermutlich in Folge überhöhten Drogenkonsums machte der Mann bei seiner Festnahme einen stark verwirrten Eindruck; große Mengen Kokain wurden in seiner Wohnung gefunden.
 
Das Verbrechen ist Stadtgespräch, und die Einwohner Hongkongs sind schockiert. Die Polizei vermutet, dass der Täter möglicherweise für das bisher noch ungeklärte Verschwinden weiter Frauen in Frage kommt. Hongkong gilt als die sicherste Großstadt der Welt, umso schrecklicher ist die jetzt bekannt gewordene Tat. Wegen der noch ungeklärten Fälle verschwundener Frauen spricht man bereits vom 'Ripper of Hongkong'. Die Entdeckung der beiden Frauenleichen wird bis zur endgültigen Aufklärung auch weiterhin die Titelseiten der Medien beherrschen.
 
Stark entwickelt im Stadtstaat hat sich in den letzten Jahren der Kunsthandel. Nicht zuletzt wegen seiner äußerst günstigen Zollabgaben. Neben der Schweiz und Singapur lagern in den Tresoren des Hongkonger Freihafens Kunstschätze von enormem Wert. In erster Linie profitiert die Stadt von der unmittelbaren Nähe zum chinesischen Festland, aber zunehmend auch von Sammlern, Händlern und Investmentbankern aus Korea und Japan. Wer was auf sich hält in der asiatischen Welt, der parkt sein Vermögen dort, und weil es derzeit weltweit keine ertragreichere Anlange als das Investment in Kunst gibt, floriert das Geschäft damit wie nie zuvor. Gleichsam für klassische chinesische Kunst als auch für international angesagte Werke bedeutender zeitgenössischer Künstler.
 
Doch das ist aber längst nicht alles. Wie Paris, New York oder Rio de Janeiro zählt Hongkong zu jenen Orten, die man unbedingt einmal im Leben nicht nur gesehen, sondern eben auch erlebt, gar körperlich gespürt haben möchte. Durch seine exotische Vielfalt hat sich die Stadt zu einer wahren Genussmetropole entwickelt. Die Kantonesen, die hier den Ton angeben, waren seit jeher Meister darin, ungewöhnliche Zutaten zu wahren Gaumenfreuden zu verarbeiten. Man isst nicht zu Hause, auswärts essen gehört hier zum Alltag. Heute thailändisch, morgen französisch und übermorgen japanisch.
 
Wer gerne in diese Atmosphäre eintaucht und sich in ihrem Menschengedränge in den Straßenschluchten wohlfühlt, erlebt eine einzigartige und inspirierende Fremdartigkeit. Weitaus lebendiger als der besser sortierte und britischere andere Stadtstaat Ostasiens, Singapur. Die Nachfahren der Ureinwohner Hongkongs verlassen sich auf ihre Schutzpatrone, sie wirken im Gewusel der brodelnden Großstadt weitentrückt, und dennoch sind sie ein wichtiges Teil des Ganzen. Sorglos kümmern sie sich um ihre Gottheiten, so als ob es nichts Wichtigeres in ihrem Leben gibt. Hand in Hand mit einer enormen Geschäftstätigkeit, und während sie mit den Kunden handeln, verwöhnen sie mit  üppigen Opfergaben ihre Unsterblichen. Hier Rolex, da Opferschrein. Zwei Welten, die sich nirgendwo näher sind als hier.
 
Zu Hause in der Heimat wurde am Wochenende auch wieder Fußball gespielt. Dortmund hat trotz langer Führung, aber einer schmeichelhaften Elfmeter-Entscheidung, das Match gegen Bayern München mit 1:2 verloren. Wenn der Tabellensechzehnte zu Hause beim Ersten antritt, so ist dies immer noch ein gutes Ergebnis. In München zu verlieren, ist keine Schande. Widerlich allerdings sind die Bemühungen der Bayern um die Verpflichtung von Marco Reus, neben Götze und Lewandowski ein weiteres Borussen-Juwel, welches sie sich einverleiben wollen. Auf einen am Boden liegenden Gegner haut man nicht ein. Das hätte es sogar unter der Herrschaft von Uli Hoeneß nicht gegeben. Wird Zeit, dass er als Freigänger bald die Jugendarbeit übernimmt; vielleicht schaffen es die Bayern dann endlich, eigene Stars aufzubauen. Mal mit Geduld und ohne die Übermacht des Geldes. Der Liga, aber auch den Bayern, stünde das gut zu Gesicht.