Michael Schultz Daily News Nr. 800

Michael Schultz Daily News Nr. 800

Berlin, den 31. Oktober 2014

 

im Sprachgebrauch unseres Alltags gibt es eine Bezeichnung für einen Utensilienbehälter, die irreführender nicht sein kann. Gemeint ist der Kulturbeutel,  in gebildeteren Haushalten auch Kulturtasche genannt. Vorzugsweise werden darin Hygieneartikel wie Nagelschere, Kamm, Deodorant, Rasierschaum, Ohrstöpsel und allerlei Kleinkram aufbewahrt. Zweckentfremdet gehört dazu bei der Frau die Antibabypille und beim Mann das Kondom. Alles was der Mensch eben so braucht, wenn er auf Reisen ist. 

Der Begriff ist erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts im Gebrauch. Weitere gängige Ausdrücke für den Kulturbeutel sind: Badetasche, Waschtasche, Waschbeutel und Toilettentasche. In der deutschsprachigen  Schweiz, in weiten Teilen Österreichs und im Rheinland ist der ältere Ausdruck Necessaire oder Nessessär geläufig, was vom Französischen nécessaire abstammt und  'notwendig' bedeutet. Dieser Begriff findet teilweise auch Anwendung für kleine Behälter für Nähzeug. Auch im Russischen, sagt Wikipedia dazu,  hat sich Nesesser (Hececcep) als Lehnwort etabliert. Fluggesellschaften verwenden für kostenlos an Passagiere verteilte Kulturbeutel bevorzugt die Begriffe amenity kit oder amenity bag anstelle der sonst im Englischen üblichen Bezeichnungen wie body hygiene kit, toilet bag oder travel kit.

Bei uns hat sich seit  Beginn der 1950er Jahre  der Ausdruck Kulturbeutel etabliert und wurde erstmals 1952 im  Deutschen Wörterbuch erwähnt.  Bei der Erforschung der Herkunft wurde zunächst vermutet, dass der charakteristische Begriff in der ehemaligen DDR seinen Ursprung hatte. Doch die Wissenschaft befand sich auf Irrwegen; im Jahre 1982 wurde in einem Dresdener Kaufhaus der Reisebegleiter mit der vielsinnigen Bezeichnung  'Kulturbedarfsbehälter'  angeboten.  Beobachtet, witzig befunden und in der Literatur festgehalten  vom  Literaturprofessor und Schriftsteller Joachim Seyppel.  

Mit der von Joseph Beuys vehement betriebenen Erweiterung des Kulturbegriffs, in die er zur Pflege des Geistes die Gesamtheit menschlicher Leistungen einbrachte, wurde die Bezeichnung 'Kultur' zum Gattungsbegriff jeglicher Betätigung. Darin eingeschlossen ist auch die  Pflege des Körpers.  So ist es gut möglich, dass im revolutionären  Aufbruch der frühen Nachkriegsjahre die Körperhygiene zur kulturellen Errungenschaft eines durch Krieg und Verderben geschundenen Volkes und zum Synonym wiedererlangten Selbstbewusstseins wurde. Die dafür notwenigen Zutaten wurden in einem Säckchen aufbewahrt, aus dem kurzerhand der Kulturbeutel wurde.

Fortan wurde der Begriff Kultur zum Accessoire aller möglichen Bezeichnungen. Plötzlich gab es neben dem Kulturbeutel auch Kulturrucksäcke, Kulturcafés, Kulturfilme, Kulturreferenten, Kulturwirte, Esskultur, Fahrkultur, Streitkultur, Trauerkultur, Leitkultur, Jugendkultur und vieles mehr.  Bei unseren Nachbarn in Frankreich wird die in die Breite gehende kulturelle Begrifflichkeit  in der Redewendung 'La culture c'est comme la confiture - moins on en a, plus on l'étale', satirisch auf die Schippe genommen.  (Je weniger Konfitüre man hat, desto breiter streicht man sie aus).

Der fragliche Ausdruck wird aber auch im übertragenen Sinne gebraucht. Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen firmieren da oft als Kulturbunker, Kulturfabrik, Kulturhölle oder Kulturscheune - und so eben auch als Kulturbeutel. So wird diese bildhafte Sprachprägung sozusagen in einem zweiten Schritt erweitert. Zu erwähnen sei auch, dass etliche zweisprachige Wörterbücher Kulturbeutel als standardsprachliche deutsche Vokabel enthalten. Im Dänischen ist das Pendant toilettaske, toiletpose; englisch- toiletbag; französisch - Trousse de toilette; polnisch - Kosmetyczka; schwedisch - toalettväska; spanisch - neceser (de aseo). 

Die Literatur verweist unter dem Stichwort u.a. auf den in den siebziger Jahren gängigen Begriff des sogenannten 'Buko'. Eine Abkürzung für Beischlafutensilienkoffer. Erwähnung finden aber auch die umgangssprachlichen Begriffe 'Nuttenkoffer' und 'Strichkoffer', die in den 1920iger Jahren im Berliner Straßenstrich im Sprachgebrauch waren. Gut möglich, dass die ehrbare Bezeichnung Kulturbeutel ihren Ursprung in den Niederungen menschlicher Notwendigkeiten hat. 

'Das Bestimmungswort Kultur wurde also sozusagen dem höheren, seriösen Sprachgebrauch entnommen und mit volkstümlich-umgangssprachlicher Nuancierung gebraucht', veröffentlichte ein gewisser Herr Müller im Netz.  'Beispielhaft auch die markante Zusammensetzung sogenannter  'Hochwertwörter' wie  Kulturgut, Kulturnation, Kultursprache.  Solche sprachlichen Umwertungsvorgänge sind ja nicht so selten, und das Zusammensetzungen mit Kultur  eine markante Rolle spielen, ist vermutlich vor dem Hintergrund der Unterscheidung Kultur - Zivilisation erklärlich.'  

Der Volksmund, so könnte man sagen, verschiebt die Akzente, er wertet um und ironisiert und zieht das hohe Gut der Kultur in die Niederungen des Alltags. Die Kulturtasche, und davon müssen wir nach umfangreicher Recherche leider ausgehen, die Kulturtasche beinhaltet im Regelfall ein Sammelsurium  nutzvoller Nichtigkeiten. Vieles von dem was darin aufbewahrt wird, dient der Vorsorge möglicher Ereignisse. Im Besondern gilt dies für die Verwahrung von Verhütungsmitteln aller Art.

Die Aufarbeitung zur Kulturgeschichte der Kulturtasche war uns eine Herzensangelegenheit. Vieles von dem was wir dabei herausgefunden haben, ist reine Spekulation. Trotzdem war es uns die Mühe wert, und so hoffen wir, dass durch diesen Beitrag fortan sämtliche Zweifel aus der Welt geschaffen sind.

Verabschieden wollen wir uns für heute mit  'La vie est dure sans confiture'  - dem Jubiläumsspruch unserer achthundertsten Ausgabe.