Michael Schultz Daily News Nr. 793

Michael Schultz Daily News Nr. 793

Köln, den 22. Oktober 2014

 

bei uns im Lande beginnt gerade die Suche nach dem Unwort des Jahres. Die 'Gesellschaft für die deutsche Sprache' (GfdS) ist auf der Spur nach einem Wort, welches die Menschenwürde verletzt und grob unangemessen einen Zustand beschreibt. Einer der ersten Vorschläge kam übers Netz: 'Weselsky' solle es werden; genannt nach dem Chef der Lokführergewerkschaft. Ein wahrlich guter Vorschlag. Alles was die Sprachforscher sich wünschen, beinhaltet der Name: grob unangemessen verletzte Weselsky mit seinen Streiks die Menschenwürde eines ganzen Volkes. Jetzt kommt es auf den Mut der Juroren an.  

Eine der verrücktesten Ausstellungen im Lande wird derzeit im Münchner Kunstverein gezeigt. Vieles von dem was dort gerade ausgestellt wird, hätte die Öffentlichkeit nie sehen sollen, und das wäre wirklich 'jammerschade gewesen', wie es der 'Münchner Merkur' am vergangenen Wochenende formulierte. Gescheiterte Projekte, die für den öffentlichen Raum vorgesehen waren, und warum auch immer nie realisiert wurden. Dennoch ist Dank der Kuration von Saim Demircan eine sehenswerte Ausstellung daraus geworden.

Für ein Berliner Mahnmal, das an die Verfolgung Homosexueller durch die Nationalsozialisten erinnert, wurde von dem aus München stammenden und derzeit in Istanbul lebenden Künstler Lukas Duwenhögger  der Entwurf eines überirdischen Teekessels eingereicht. Der 'Celestial Teapot' sollte auf siebzehn Metern Höhe einen schrillen Schutzraum symbolisieren, und damit genau dieselbe öffentliche Wirkung erzeugen, in die sich Schwule oft retten. Die Preisrichter lehnten den Entwurf ab, allerdings wurde für die Kasseler Documenta im Jahr 2007 ein Modell realisiert.

 

Ein Teekessel von Lukas Duwenhögger, der an die Verfolgung Homosexueller durch die Nazis erinnern sollte.

'Die Ausstellung vereint ungewöhnliche Projektvorschläge für Kunst im öffentlichen Raum, satirische Ideen sowie nicht realisierte Auftragsarbeiten, die im Rahmen der aktuellen Diskussionen über die Rolle von Kunst im öffentlichen Raum neue Strategien sichtbar machen', wird von kuratorischer Seite gemeldet.  Die in 'Regenerate Art', so der Ausstellungstitel,  gezeigten Werke verweigern sich den herkömmlichen Strukturen, die unsere Städte formen, und demonstrieren, dass gerade in der Nichtrealisierung eines Projekts das Potenzial liegt, Kunst zu schaffen und kritische Aussagen zu formulieren.

'Aufschlussreich sind solche hypothetischen Herangehensweisen insbesondere deshalb, weil sie die Umstände und Bedingungen transparent machen, unter denen die Auftragsvergabe für Kunst im öffentlichen Raum abläuft' so  der Ausstellungstext. 'Die Arbeiten in der Ausstellung zeigen die Sichtweise des Künstlers oder eines fiktiven Auftraggebers und spekulieren über die Machenschaften, die bei der Vergabe von Kunst im öffentlichen Raum hinter dem Versprechen auf Erneuerung stehen. Maßgeblich für den Charakter der Projekte in der Ausstellung sind der spezifische Kontext und die jeweiligen lokalen Bedingungen an bestimmten Orten in Deutschland, Estland, den Balkanstaaten und England, wo Kunst von Stadtplanern als Strategie eingesetzt wird, um entweder zur Wertschöpfung beizutragen, als ästhetische Problemlösung zu fungieren oder sanierungsbedürftige Viertel mit Leben zu füllen'. Die Ausstellung vermittelt  einen alternativen Gegenentwurf, in dem die Werke für den öffentlichen Raum ihren jeweiligen Kontext wiedergeben und die Künstler auf die Bedingungen reagieren, die sie im Rahmen 'neoliberaler Kulturpolitik vorfinden'  - wie beispielsweise die 'Privatisierung des öffentlichen Raums und die Instrumentalisierung des Künstlers'.

Herausgekommen ist eine Überdosis Irritation, die alleine schon den Weg in den Kunstverein lohnt. Gezeigt wird  zudem, wie Künstler auf humorvolle aber auch  kritische Weise mit bestimmten ideologischen und formalen Vorstellungen von Kunst im öffentlichen Raum umgehen. So stellt beispielsweise der oben erwähnte und  nicht realisierte 'Vorschlag für ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen das herkömmliche Verständnis ästhetischer Monumentalität infrage, während  Aleksandra Domanovic' Filmessay Turbo Sculpture ein Phänomen vor Augen führt, das sich seit kurzem auf dem Balkan beobachten lässt: Öffentliche Skulpturen orientieren sich in diesen sogenannten post-ideologischen Gesellschaften nicht mehr länger an den bisher üblichen heroischen Darstellungen, sondern nunmehr an den Helden der westlichen Pop-Kultur. Statt auf Archivmaterial und Dokumentationen setzt die Ausstellung dabei auf das visuelle Moment, um die Bedeutungen anschaulich zu machen, die mit der Vorstellung von regenerativen Funktionen der Kunst verknüpft sind - sei es im Hinblick auf den städtischen Raum, als Mittel zur kulturellen Heilung oder im Verhältnis zum Körper'.

Ein gelungenes Ausstellungskonzept, in dem Konfrontation, aber auch direkte inhaltliche Auseinandersetzung mit den Besuchern gesucht wird. Die kleine, aber feine Zusammenstellung zwingt zum Nachdenken, und sie provoziert Reaktionen wie man selbst auf solche Irritationen antworten würde. (Kunstverein München, Galeriestraße 4, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, noch bis zum 30. November).

Wir verweilen ab heute in Köln. Auch von dort gibt es Spannendes aus der Welt zu berichten. Von morgen an bis einschließlich Montag sind wir mit Stand und Kunst auf der 'Art Fair'. Wir zeigen dort Bewährtes und Atelierfrisches  von Andy Denzler, Feng Lu, Johanna Flammer, Peter-Arnold Fritze, Malgosia Jankowska, Stephan Kaluza, Bernd Kirschner, Jean-Yves Klein, Helge Leiberg, Udo Nöger, Rebecca Raue, Gerhard Richter, Römer & Römer, Sabina Sakoh, Monika Sigloch, Damian Stamer, Hermann Standl und Maik Wolf.

In der Champions League wurden gestern Abend in 8 Spielen 40 Tore geschossen. Das sind durchschnittlich fünf pro Spiel; einen solchen Torreigen hat es noch nie gegeben. Die Bayern gewannen mit 7:1 beim AS Rom und ziehen im Weltfußball immer einsamer ihre Kreise. Schalke gewann durch einen Elfer in der Nachspielzeit mit 4:3 gegen Sporting Lissabon und wahrte damit seine Chance, die Gruppenphase zu überstehen. Beim Spiel zwischen der weißrussischen Truppe von BATE Borisov und dem ukrainischen Meister Schachtjor Donezk wurde durch den Brasilianer Luiz Adriano Fußballgeschichte geschrieben: beim 7:0 Erfolg der Gäste erzielte der Stürmer innerhalb von 16 Minuten 5 Tore. Ein Rekord, den ihm so schnell niemand wieder abnehmen wird. Heute Abend spielt Dortmund gegen Galatasaray in Istanbul und Leverkusen zu Hause gegen Zenit St. Petersburg. 

Das in Spanien erscheinende internationale Contemporary Art Magazin 'art.es' titelt seine aktuelle Ausgabe mit Andy Denzler. Die Text- und Abbildungsstrecke im Heft umfasst 20 Seiten, mehr Anerkennung kann kaum erteilt werden.

In den Mittelgebirgen schneit es heute. Bitte Obacht geben.