Michael Schultz Daily News Nr. 692

Michael Schultz Daily News Nr. 692

Berlin, den 3. Juni 2014

Liebe Freunde,

zwei überraschende Meldungen beherrschten die Nachrichtenlage des gestrigen Tages: der Rücktritt des spanischen Königs Juan Carlos und der, zwar zu erwartende aber dennoch plötzliche, Haftantritt von Uli Hoeneß.

Im offiziellen Spanien begrüßt man den Machtwechsel am Königshof, ohnehin gilt der gesundheitlich angeschlagene und durch Liebesaffären ins Gerede gekommene Monarch ein wenig aus der Zeit geraten. Die Sternstunden seiner Regentschaft liegen weit zurück. Nachdem er nach dem Tod des Faschistenführers Franco im November 1975 gekrönt wurde, ebnete Juan Carlos gegen große Widerstände der zurückgebliebenen Franco-Administration den Weg zu einem demokratischen System. Dem späteren Putschversuch einiger Militärs vom Februar 1981 entgegnete er in einem Telegramm: 'Weder danke ich ab, noch gehe ich. Ihr müsst mich schon erschießen'. Das hat Eindruck hinterlassen und die Umstürzler zum Aufgeben gezwungen. Im letzten Jahrzehnt seiner Regentschaft ist er eher durch Affären aufgefallen, besonders durch seine Jagdvorliebe für große Tiere und junge Frauen. In früheren Jahren galt sein alljährlicher Besuch auf der Madrider Kunstmesse (ARCO) als gesellschaftliches Großereignis der spanischen Kunstszene.  Einige seiner Landsleute nahmen seinen Rücktritt zum Anlass und gingen gestern Abend auf die Straße, um die Abschaffung der Monarchie zu fordern. Dazu wird es nicht kommen, Thronfolger Felipe Juan Pablo y Alfonso de Todos los Santos de Borbón y Grecia wird künftig die Regentschaft am Hofe übernehmen. 

Geheimnisvoll wie das ganze Prozedere um seine Verurteilung ist der Ex-Bayern Präsident Uli Hoeneß gestern im Landsberger Knast eingefahren. Obwohl die Haftanstalt seit Wochen von Paparazzi umlagert wird, gibt es keine Bilddokumente dazu. Als die Meldung verbreitet wurde, war er vermutlich schon in seiner Zelle. Wie er unbemerkt dort hineingekommen ist, lässt den Spekulationen freien Lauf: angeblich in einer Wäschekiste, in einem grauen BMW, als Postbote verkleidet, durch einen Tunnel, usw. usw. usw. Er sitzt, und das ist sicher. Laut Auskunft der Haftanstalt hat Hoeneß (noch) keinen Antrag auf Freigang gestellt, die erste Zeit wird er wohl ganztägig im Verlies verbringen müssen. Von den dreieinhalb Jahren muss er im günstigsten Fall und je nach Führung nur 21 Monate absitzen, wie diese Zeit gestaltet wird, ist vermutlich lange schon zwischen Gericht und Vollzugsbehörde ausgekungelt. Die Spiele der bevorstehenden Fußball-WM kann er nun in Ruhe und Einkehr verfolgen. Bei allem Unmut über seine Tat - irgendwie tut's einem schon leid, dass er jetzt den beginnenden Sommer im stickigen Knast verbringt.  

Hauptspielorte der 8. Berlin Biennale sind die Museen im äußersten Westen der Stadt, und das gleicht schon ein wenig einer Sensation. Nicht die Stadtmitte um die legendäre Auguststraße wurde ins Zentrum des Geschehens gestellt, es sind die aus der Mode gekommenen Herbergen der ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Dahlemer Museen, deren Umzug ins innerstädtische Humboldt Forum bevorsteht. Dort wird schwerpunktmäßig bis Anfang August eine von dem kanadischen Kurator, Künstler und Autor Juan A. Gaitán zusammengetragene  Kunstleistungsshow zu sehen sein. Ergänzt werden die ungewöhnlichen Spielorte durch das Zehlendorfer 'Haus am Waldsee' und das Biennale obligatorische 'Kunst-Werke'-Gebäude in der Auguststraße.

Die Auswahl der angestaubten Spielstätten ist Teil des Ausstellungskonzepts und soll lt. Gaitán 'Menschen in Beziehung zur ihrer Stadt setzen. Dahlem war zu Mauerzeiten ein Museenzentrum, heute ist das ein Bezirk, in den man nicht mehr zu fahren scheint' urteilte er in einem Interview mit dem Berliner Szenemagazin 'Tip'. Doch die 'ethnographische Sammlung sei weitaus bedeutender, als die Leute denken. Und die Ausstellungsgestaltung stammt aus den 60er bis 80er Jahren. Man findet dort also eine Art Anthologie zur Frage, wie wir eine Beziehung zu ausgestellten Objekten aufnehmen. Das sollte die zeitgenössische Kunst einrahmen.' Im 'Haus am Waldsee' untersucht er mit seinem Kuratorenteam die 'private Funktion' von Kunst. 

Auch wenn es intelligente und nachvollziehbare Erläuterungen zu den Spielstätten gibt, verdichtet sich doch der Eindruck, dass das inhaltliche Gerüst nachträglich um die Ausstellungsflächen gesponnen wurde. Nicht wie üblich umgekehrt. Eine kuratorische Meisterleistung entsteht schon eher in Umkehrfall. Wie dem auch sei, von der Presse wird die Dahlemer Show unterschiedlich bewertet: Niklas Maak schreibt in der 'FAZ', es 'ist eines der größten Verdienste des Kurators (....), dass die alle zwei Jahre stattfindende Kunstschau nicht wieder in Mitte und an ein paar zu Fuß erreichbaren Außenposten, sondern (...) in Dahlem, im Westen der Stadt gezeigt wird. Dorthin musste zu den Eröffnungstagen das verblüffte Berliner Kunstvolk reisen - Menschen, die das idyllische Einbahnstraßen-Dickicht von Berlin Mitte oft jahrelang nicht verlassen' haben, und eher Auskunft darüber geben können 'wie man von der Auguststraße nach Basel oder Sankt Moritz kommt als nach Dahlem.' 

Catrin Lorch geht in der 'Süddeutschen' der Frage nach, ob man 'die so kritisch wirkende Entscheidung für Dahlem auch strategisch betrachten kann? Es gibt keine bessere Möglichkeit, Künstler zu domptieren, als sie in ein bestehendes Museum einzuladen, vor allem eines, das anderen Kulturen gilt. (....) nur an diesem Ort war zu erwarten, dass sich alle brav auf ihren Plätzen einrichten, statt wie andernorts, unsentimental Raum zu besetzen.' 

Doch, es gibt auch endlich wieder Kunst zu sehen, schreibt Christian Herchenröder im 'Handelsblatt'. Die letzten drei Ausgaben der Berlin Biennale seien zu 'politisch' ausgerichtet gewesen, jetzt endlich ist wieder Qualität eingekehrt. Im Hinblick auf die vergangene von Artur Zmijewski kuratierte Show kann diese Beurteilung nur unterstrichen werden. Seine Untersuchung auf das Echte im Leben, und auf die richtigen Leute ist mit grollendem Donner untergegangen. Damals wurde  befürchtet, dass damit das Ende der Berlin Biennale eingeläutet wurde.

Unisono umstritten ist das Präsentationskonzept. Der in Berlin ansässige Kunsthistoriker Jeannot Simmen ist darüber entsetzt. Seiner Ansicht nach wurden die großzügigen Ausstellungsmöglichkeiten kaum genutzt. 'Erstaunt' ist er darüber 'wie nett und einfältig die Künstler die Dahlemer Sammlung bespielen.' An riesigen Wänden wird Kleinformatiges an die Wände gepinnt, die 'wunderbare Deckenhöhe' wird kaum genutzt. 'Na, ja', schreibt er dazu 'auf alle Fälle ist alles political correct', was er sehr, sehr schade findet. 'Irgendwie waren früher, vor Jahren allerdings, die Biennalen mutiger und frecher und überraschender und ...... subkutan; nicht pflegeleichter Genuss'.  

Unter die Haut also muss es gehen, doch die Empfindungen sind vom Charakter und der Empfindlichkeit des Rezipienten abhängig. Zum Nachmessen der Tiefenwirkung empfiehlt sich ein Rundgang. Es lohnt sich. www.berlinbiennale.de

Beste Grüße.

Michael