Michael Schultz Daily News Nr. 691

Michael Schultz Daily News Nr. 691

Berlin, den 2. Juni 2014
 
Liebe Freunde,
 
seit der Wahl am vorvergangenen Sonntag steht Europa im Mittelpunkt. Es geht um die Neubesetzung des Kommissionspräsidenten, im Besonderen um die Akzeptanz des Wahlsiegers Jean-Claude Juncker, der in den eigenen Reihen umstritten ist. Die Speerspitze seiner Gegner kommt aus Großbritannien und Deutschland, um jeden Preis soll Juncker verhindert werden. Notfalls drohen die Briten mit dem Ausstieg aus der Eurozone. Auch wenn sich Angela Merkel auf dem Katholikentag in Regensburg zu ihm bekannte, ist noch lange nicht aller Tage Abend. Die Politik der Kanzlerin besteht im Kern aus reinem Kalkül, so auch in der Personalie Juncker. Hier setzt sie auf Zermürbung, solange bis er den Hut wirft. In dieser Disziplin ist unsere Bundeskanzlerin wahrlich spitze: als erste Amtshandlung lässt sie aus ihrem Umfeld ein angebliches Alkoholproblem des Kandidaten in Umlauf setzen. Nichts Neues, aber je öfter und intensiver es wiederholt wird, desto zermürbender ist es. Auch das Hickhack ihrer öffentlichen Äußerungen destabilisiert den Kandidaten. Ihre bedingungslose Zustimmung vom vergangenen Freitag ist heute schon wieder Makulatur. Demontage auf höchstem Niveau. Auch dass Juncker volle Zustimmung von den Sozialisten, seinen Wahlgegnern bekommt, stört sie nicht. Mit jedem Tag des Zauderns vergrault sie ihr Wahlvolk, aber auch das scheint sie mittlerweile ins Kalkül miteinzubeziehen.
 
Merkel will die EU-Osterweiterung, das sind ihre Themen. Heute spricht sie mit dem georgischen Präsidenten, aber auch Moldau und die Ukraine stehen auf ihrem Wunschzettel. Erfahrene Politiker warnen davor, Altkanzler Helmut Schmidt sieht in den EU-Hegemonialbestrebungen die aufkommende Gefahr eines 'großen Weltkrieges'. Bisher hat sie mit Weitsicht vieles ausgestanden und dann ihre (meist populären) Entscheidungen getroffen. Augenblicklich, so zumindest sieht es aus, hat sie sich in ihrer Taktiererei verkantet. Plötzlich fehlt die Weitsicht, und mit ihr schwindet auch die Zustimmung aus der Bevölkerung. Innerhalb von wenigen Wochen verliert die CDU um 3 Punkte auf aktuell 39%, stabiler ist der Zustand beim Koalitionspartner SPD, die 2 Punkte zugelegt hat und bei 25% liegt.
 
Nur noch im Osten kann sich Europa wesentlich ausdehnen. An den Rändern zu Russland ist noch einiges zu holen, doch das will sich auch Putin sichern, und das verbirgt ein enormes Konfliktpotential. Ohnehin scheint es für die Erweiterung keine wirklichen Konzepte zu geben. Einzig der Wirtschaftsfeldzug unserer Industrie scheint sie zu treiben.
 
Überall in Europa sind die Labels deutscher Unternehmen weit sichtbar. In Ungarn zum Beispiel wird man beim Landeanflug auf Budapest noch aus der Luft von einer überdimensionalen 'Penny' Reklame begrüßt. Die Fahrt in die Innenstadt wird eine Shoppingwanderung durch die komplette  A-Liga bundesdeutscher Geiz-ist-Geil-Unternehmen: Media Markt, Obi, Lidl, Aldi, Dm, Praktiker und viele mehr. Die Neugierde am Fremden wird durch die Reklamewut spürbar unterdrückt. Nur noch in den Nischen findet man Authentizität und Originalität; die EU walzt sich mit schwerem Gerät über die Lebensformen altehrwürdiger Kulturen. Wenn es weh tut und bemerkt wird, ist es dann meist schon zu spät.
 
Vielleicht ist ja auch die Dauerpräsenz unseres Lebensumfeldes mit ein Grund, warum die Westeuropäer ihren Urlaub in immer weiter entfernteren Ländern machen. Entspannen kann man am besten dort, wo die Präsenz des Alltags nicht sichtbar ist.
 
Einzig die Kultur bewahrt Authentizität. Doch auch ihr Bollwerk gegen die Globalisierung hält kaum noch stand. Eine seit langem bekannte Konfektionierung nimmt Fahrt auf und ist nicht mehr aufzuhalten. In vielen Kulturen gilt der Blick in den Westen als non plus ultra, die Arbeiten der Künstler passen sich an, und entsprechend ist ihre Wirkung. Unterstützt wird diese Vorgehensweise durch die Selektion einiger westlicher Sammler, auch dort liebt man mehr und mehr den Blick auf Gewohntes. Alles andere wird schnell als Folklore abgetan. Zugegeben: diese Beschreibung ist stark zugespitzt, bringt aber das Problem auf den Punkt.
 
In Budapest konnte sich der Schweizer Künstler Andy Denzler in den vergangen gut vier Wochen mit Kollegen aus Osteuropa austauschen. Atelier an Atelier wurde gearbeitet und die Ergebnisse am vergangenen Samstag vorgestellt. Um es vorneweg zu nehmen: die Authentizität wurde gewahrt. In den Studios der 'Art Factory', in denen ausschließlich Malerei gezeigt wurde, war anhand von fünf Positionen der kulturelle Hintergrund der unterschiedlichen Künstler gut ablesbar: Mit erschreckenden Phantasien wird in den Bildern des rumänischen Künstlers Sandor Szasz die Brutalität des Ceaușescu Regimes abgearbeitet; die ungarische Malerin Marta Kucsora verbuddelt die Veränderung der Natur in ihren Kunstwerken, als ob sie den Lauf der Zeit anhalten wolle. Andy Denzler beschäftigte sich mit der sich überlassenen und zum Teil verlassenen Budapester Kultur. In 'Forgotten Palace' stöbert er in der ehemaligen Villa  von Franz Liszt Impressionen auf, die durch seine Bildsprache eine neue Beachtung erhalten. In den offenen Studios der 'Art Factory' wird eindrucksvoll bewiesen, dass gemeinsames Arbeiten nicht unbedingt zu einer Fusion der Gedanken führen muss. Im Gegenteil; es stärkt die Position des einzelnen.
 
Der für heute angekündigte Bericht zur Berlin Biennale erscheint morgen. Das Manuskript war im Taxi geblieben. Leider.
 
Beste Grüße.

Michael 

 

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