Michael Schultz Daily News Nr. 688

Michael Schultz Daily News Nr. 688



Berlin, den 28. Mai 2014

Liebe Freunde,

späte Ehre wurde Alt-Kanzler Gerhard Schröder zuteil: anlässlich eines Empfangs zu seinem 70igsten Geburtstag im Schloss Bellevue dankte ihm Bundespräsident Joachim Gauck für seine politische Weitsicht. Mit seiner Agenda 2010 habe er gegen großen Widerstand aus seiner Partei eine unpopuläre Arbeitsmarkt- und Sozialreform durchgesetzt, und  dadurch 'dazu beigetragen, dass unser Land seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wiedergewinnen und erhalten konnte.' Mit der Agenda-Politik habe Schröder den Machtverlust in Kauf genommen, sagte Gauck. Dafür gebühre ihm großer Respekt.  

Mit großzügiger finanzieller Unterstützung einiger Erben der Schweizer Pharmaunternehmung Hoffmann-La Roche konnten in Arles, dem zeitweiligen Wohnort von Vincent van Gogh, die Eröffnungsfestivitäten des neuen Sitzes der 'Fondation Vincent van Gogh Arles' abgehalten werden. Zu diesem Anlass wurde von der anerkannten Schweizer Kuratorin Bice Curiger (Kunsthaus Zürich, Tate Modern, 54. Biennale Venedig, Guggenheim Museum / New York, etc.) unter dem Titel 'Van Gogh live' eine Schau mit Werken zeitgenössischer Künstler zusammengestellt. Unter ihnen sind Thomas Hirschhorn, Elizabeth Peyton und Guillaume Bruère. Letzterer wurde von unserer Galerie erstmals auf der 'Art' in Karlsruhe gezeigt, am 23. August eröffnen wir seine erste Einzelausstellung in unserer Berliner Galerie. Die 'Kunstzeitung' berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über die Ausstellung. Den gesamten Artikel inklusive der  Abbildung einer Farbkreidezeichnung von Guillaume Bruère ist im Newsticker auf unserer Webseite nach zu lesen. (www.galerie-schultz.de)

Nur noch 16 Tage dauert es, und dann beginnt in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft. In den ländlichen Gegenden unserer Heimat ist schon massenhaft geflaggt, die Deutschlandfahne bringt Farbe ins Land. Tagtäglich berichten die Journalisten aus dem Austragungsland, es geht um Samba und Churisco, über die Copacabana und das leichte Leben, aber auch um die Nöte der Bevölkerung. Ursprünglich mal waren die Kosten für die WM mit einer Milliarde Euro veranschlagt, heute muss das Zehnfache hingelegt werden, mithin 5% des brasilianischen Staatshaushalts. Als Brasilien im Oktober 2007 den Zuschlag für das Weltturnier bekam, feierte das gesamte Land. Heute, einige Tage vor Eröffnung, überwiegt der Unmut und allerorts im Land wird lautstark protestiert. Unisono dringt aus dem Land, dass 'die Kluft zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen durch die WM noch grösser wurde'. Das viele Geld, so die Kritiker, wäre sinnvoller für eine Verbesserung der Lebensqualität und in der Bildung aufgehoben. Den durch UNESCO-Verordnungen geschützten Ureinwohnern wurde der Lebensraum eingeschnitten; ihren Protesten ist die Staatsmacht in der letzten Nacht mit Tränengasladungen entgegengetreten. Es wird kaum zu verhindern sein, dass es auch während der Meisterschaft zu Gewalttätigkeiten  kommt, das soziale Ungleichgewicht in der brasilianischen Gesellschaft ist zu tief, um eine friedliche WM zu garantieren. 

Aber auch aus dem Tiroler Trainingslager der deutschen Mannschaft kommt nichts Gutes. Erst war es der Ausfall des Dortmunder Abwehrrecken Kevin Großkreuz, der nach der Pokalniederlage schwer angesoffen in einer Berliner Hotelhalle mal Pipi musste. Von seinem Verein wurde er dafür zu einer Geldstrafe von 60.000 Euro verurteilt; erwartet wurde, dass ihn der Bundestrainer deshalb aus dem Kader nimmt. Es gab wohl eine tiefgelbe Karte, erwartet wurde mehr. Doch Jogi Löw konnte zu diesem Zeitpunkt und in dieser Situation nicht anders; über ihm schwebte das Bekanntwerden des Entzugs seiner Fahrerlaubnis. Wegen wiederholter Raserei wurde ihm diese für sechs Monate entzogen. Die 'Welt' berichtet, dass der Führerschein bereits seit 3 Monaten in den Asservaten der Zentralbehörde liegt. Zu allem Überfluss gab es gestern auch noch einen vermeidbaren Unfall: Mercedes als Hauptsponsor wollte den Kickern einen besonderen Kick vermitteln. Auf einer schlecht abgesperrten Strecke durften diese mit dem Formel 1-Piloten Nico Rosberg und dem DTM Fahrer Pascal Wehrlein die Vorzüge schnellen Fahrens erleben. Als dann plötzlich Passanten auf der Straße auftauchten, war es zu spät; zwei Urlauber wurden per Hubschrauber schwerverletzt in die Klinik gebracht.

Das alles wird jetzt ein bisschen runtergeredet: Joachim Löw macht Werbung für die Bahn, und aus dem privaten Kaderbergrennen wurde plötzlich eine PR-Aktion für den Sponsor. Dass dabei Menschen zu Schaden gekommen sind, wird  billigend in Kauf genommen und der Gemeindepolizei zugeschoben, schließlich sei diese für die Sicherheit zuständig. Wie dem auch immer sei: die Repräsentanten des deutschen Fußballs repräsentieren die untersten Schubladen unserer Gesellschaft. So zumindest sieht es aus. Gerade auch der Bundestrainer hat Vorbildfunktion, und auch er muss sich an geltende Gesetze halten. Zu schnelles Fahren gefährdet andere Verkehrsteilnehmer, jeder von uns hat sich darüber schon mal geärgert. Wie einst Harald Juhnke, der seine Alkoholprobleme mit Werbung für die deutsche Milchindustrie konterkarierte, setzt Löw auf die Deutsche Bahn und verharmlost durchschaubar seine soziale Unzuverlässigkeit.  

Doch es wird hingenommen. Der deutsche Fußball hat seine eigenen Gesetze und eine eigene Gerichtsbarkeit. Weder Großkreuz, noch Löw, aber auch nicht die Steuersünder Hoeneß, Rummenigge und Kahn wurden bisher vom DFB-Gericht vorgeladen. Nicht mal Ermittlungen wurden eingeleitet. Der bedingungslose Rückhalt der Fans macht's möglich. Vielleicht aber brauchen wir auch das ganze Gezeter um die Figuren. Deren Unzulänglichkeit verhilft uns so manchen eigenen Fehltritt innerhalb moralischer und gesetzlicher Regularien zu belassen. Und dies  bewahrt uns schlussendlich vor dem Abstieg aus den höhergelegenen Schubladen.  Wir lieben den Fußball, weil die Heroen dieser Gattung so manche Drecksarbeit für uns erledigen. Wenn am 16. Juni Deutschland sein erstes Gruppenspiel gegen Portugal bestreitet, sind wir bedingungslos mit dabei. Auch ich.  

Morgen ist Vatertag. Deutschtum und Komasaufen ist angesagt. Viele von uns brauchen das. Lassen wir sie.

Bis Freitag.

Beste Grüße

Michael