Michael Schultz Daily News Nr. 682

Michael Schultz Daily News Nr. 682



Berlin, den 20. Mai 2014

Liebe Freunde,

wieder zurück in Berlin, endlich muss man sagen, geht es mit Freude an die Tagesarbeit. Eine volle Woche Hongkong schadet dem Gemüt, reichen tun wirklich 3 bis 4 Tage, bis dahin ist alles toll, danach wird es eintönig. Man kann gut essen, kann vom allerfeinsten shoppen, kann die unterschiedlichsten Menschen beobachten und sich an der glitzernden Skyline ergötzen. Das geht aber nur beschränkt, dann braucht das Auge mal wieder einen natürlichen Horizont, und den gibt es dort so gut wie nicht. Beton an allen Ecken und Enden, dazwischen schippern die Dschunken und Fährboote; einzig sie vermitteln Entspannung. Hongkong ist gut als Zwischenstation, um dort ständig zu leben muss die Leidensfähigkeit schon gut ausgeprägt sein. Die vermögenden Residenten leisten sich dort ihre Bleibe, weil der Hauptwohnsitz irgendwo in den Bergen oder am Meer liegt. Auf Zeit frisst der Moloch die Seele auf. Eindrucksvoll ist dies an den Gesichtern der asiatischen Bediensteten abzulesen: das den Süd-Ost Asiaten angeborene Lächeln ist aus dem Stadtbild von Hongkong weitgehend verschwunden. Man ist zwar immer noch zuvorkommender als in unseren Breitengraden, doch irgendwie wirkt alles sehr gequält. Man spürt den Druck der Getriebenen und liest aus ihren leeren Gesichtern ihre Angst vor dem Versagen. 

Der weltweit temporeichste Kapitalismus wird in Hongkong betrieben,  und man lebt ganz gut davon. Doch ähnlich wie auf Macao sind auch hier die Grenzen zwischen Arm und Reich recht fließend; ein gutes Beispiel liefert das Zentrum von Kowloon. In den den Prachtstraßen zugewandten Vorderhäusern residieren die Megastores der Luxus-Filialisten, im Hinterhaus fehlt die Tapete an der Wand, und die Menschen hausen wie Tiere in viel zu kleinen Wohnungen. Noch ist das soziale Gefälle kein großes Ärgernis; doch die Bereitschaft zum Protest wächst. Für mehr Gerechtigkeit demonstrierten letzte Woche einige Unerschrockene, die Anzahl der begleitenden Polizisten war mindestens dreimal so hoch. Das macht Eindruck und mit diesem hat sich die Demo ganz schnell wieder aufgelöst.

Aus China drängt eine geballte Wucht von Wohlstandsimmigranten in den Stadtstaat. Bisher waren die hauptsächlich aus Südchina stammenden Billigarbeiter willkommen. Jetzt wo aber immer mehr vermögendere Chinesen ins Land strömen, wird den ärmeren der Zulauf erschwert. Nur noch wer ein Flugticket in den Westen in der Tasche hat, darf den Transitweg über Hongkong benutzen. Alle anderen benötigen ein Visum, was für einige Tage befristet ausgestellt wird. Noch gibt es die halboffiziellen Einreisemöglichkeiten, doch diesen hat die Regierung den Kampf angesagt. Die Angst vor sozialen Spannungen und vor Überbevölkerung wächst. Auch sitzt der andere asiatische Wirtschaftsriese Singapur im Nacken der Gesamtwirtschaft. Die rasante Entwicklung dort wird mit einem Argusauge beobachtet; Singapur gilt schon heute als die Schweiz Asiens. Im Wettbewerb um die Vorherrschaft werden gigantische Projekte entwickelt, die astronomische Summen verschlingen. Gewinner wird es viele geben; auf der Strecke bleiben natürliche Ressourcen und der Mensch. 

Um der permanenten Wohnungsnot Herr zu werden, hat ein Hongkonger Architekturbüro ein bizarres Konstrukt entwickelt: in sogenannte 'Hive-Inn' Türme werden zu Wohnungen umgestaltete Container eingesetzt. Diese werden übereinandergestapelt, an Elektrizität und Wasser angeschlossen, und so zum mobilen Wohnraum. Wem 28 m² Schiffscontainer genügen, findet über dieses System ein preiswertes Eigenheim. Vorteil dabei ist, dass im Falle eines Umzugs die komplette Wohnung mitzieht. 

Bei allem Unbill: eine Woche ohne die alltäglichen Horrormeldungen aus 'unserer' Welt entschädigt für vieles. So wurde auch das Fußballpokalendspiel zwischen Dortmund und den Bayern zur Nebensache. Gewonnen haben die Münchner mit 0:2; angeblich wegen eines Schiedsrichterfehlers. Weit weg aus der Ferne kann man sogar damit leben; auch, dass der HSV der Bundesliga erhalten bleibt. Die Ferne entrückt den Alltag, und schon deshalb ist es gut wenn man ab und zu mal weg kommt.

Gerade kommt über den Äther die Mitteilung, dass das thailändische Militär den Kriegszustand über das Land erklärt hat. Rechtzeitig zur Touristenhauptsaison wird mal wieder klargestellt, wer das Sagen im Land hat. In Vietnam dagegen toben die Auseinandersetzungen zwischen den Chinesen und den Einheimischen. Bereits über 3.000 Staatsbürger hat die Regierung in Peking zurückgeholt. Es geht über die Hoheit einer kleinen, vermutlich unbewohnten Inselgruppe.

Uli Hoeneß soll diese Woche in den Knast einfahren. Eigentlich ist auch das keine Meldung mehr wert. Mit großen Schritten kommt der Sommer auf uns zu, und das ist es, worauf es ankommt.

Beste Grüße.

Michael