Michael Schultz Daily News Nr. 681

Michael Schultz Daily News Nr. 681

Hongkong, den 19. Mai 2014
 
Liebe Freunde,
 
über 65.000 Besucher zählten die Messemacher zur 'Art Basel' in Honkong. Im Vergleich zum Vorjahr stellt dies eine Steigerung um 10% dar, mit der die Veranstalter zufrieden zu sein scheinen. Ob die Aussteller mit ihren Ergebnissen auch zufrieden sind, konnte abschließend noch nicht festgestellt werden; vieles sei noch in der Abschlussphase, und deshalb halte man sich mit den endgültigen Zahlen noch ein wenig zurück. Es ist wie auf jeder Messe, und warum soll es in Hongkong anders sein, die einen fahren mit vollen Taschen zurück, und andere sind froh, wenn sie die Kosten eingefahren haben. Matthias Arndt, der in Berlin und Singapur ansässig ist, gehört zu den wenigen, die gute Umsätze vermelden; dazu gehören auch die 'Platform Gallery' aus Hongkong; Park Ryu Sook Gallery/Seoul; Roslyn Oxley aus Sydney; Leo König aus New York und viele andere. Wem das Glück nicht so hold war, verschweigt dies im ersten Stepp, erst wenn die Wunden geheilt sind, kommen die Kollegen mit der Wahrheit ans Licht. Wer will schon zu den Verlierern gehören.
 
Wahrheitsgetreu mit den Messergebnissen umzugehen, ist ohnehin eines der großen Probleme des Kunstmarktes. Wer gut umsetzt und damit an die Öffentlichkeit geht, der riskiert, wie einst Judy Lübke in Basel, Kollegenschelte und den Ausschluss aus der Veranstaltung. Andererseits gehört 'Klappern' zum Geschäft, doch das will man im feinen Art Business nicht gelten lassen. Nicht die vornehme Zurückhaltung gebietet Verschwiegenheit, es ist der blanke Neid, der beim Erfolg der Kollegen hochkocht. Wer lange in diesem Business tätig ist, kann ein Lied davon singen. Demut vor den Inquisitoren hat schon im Mittelalter das Überleben gesichert. Unter diesem Aspekt sind die Erfolgs- bzw. Nicht-Erfolgsmeldungen der Presseabteilungen mit größter Vorsicht zu betrachten.
 
Die vergangene Woche galt in Hongkong der Kunst. In rund 100 Parallelveranstaltungen wurde auf das Hauptevent aufmerksam gemacht. Ein sehr großer Anteil der Besucher kam aus den asiatischen Nachbarstaaten, die wenigen westlichen verloren sich im gros der asiatischen Masse. Aufschluss über die Anzahl der Beschäftigten in den Galerien gab der als Kunstwerk geschaffene Messekatalog: bei David Zwirner in New York arbeiten 120 Personen; bei Victoria Miro/London sind es 35; Marian Goodman/New York beschäftigt 30 Mitarbeiter; Bärbel Grässlin/Frankfurt 2; bei Leo Castelli sind es noch 4; White Cube mit seinen Galerien in London und Hongkong hat 126 Beschäftigte in Lohn und Brot, und Michael Werners Team besteht laut Messekatalog aus 19 Personen. Im Vergleich dazu liegen wir mit 11 Mitarbeitern im stabilen, unteren Mittelfeld.
 
Ehrgeizig bereitet sich China auf die Heimholung verlorener Gebiete vor. Zwischen Hongkong und Macao soll bis Ende kommenden Jahres eine 50 Kilometer lange Straßenverbindung fertiggestellt sein. Damit will man einerseits die beiden Staatssatelliten miteinander verbinden, andererseits aber auch den Weg über das Perlenflussdelta deutlich verkürzen.
 
Täglich strömen 76.000 Besucher in das Spielerparadies Macao. Einen schönen Anblick liefert die Silhouette beim Ankommen nicht, stillos wird in die Höhe und die Breite gebaut - Hauptsache auffallen. Doch der Wohlstand begegnet einem schon auf den Straßen: die Dichte der hyperteuren Kraftfahrzeuge ist wohl weltweit nirgendwo grösser als in Macao. Straßen, um auch mal richtig aufs Gas zu drücken, gibt es dort nicht; das Auto ist das Statussymbol schlechthin. Nirgendwo aber auch in der Welt sind die Grenzen zwischen bitterer Armut und überbordendem Reichtum so deutlich wie dort. Direkt hinter den Höhlen des Spielerparadieses zeigt sich die Kehrseite; total heruntergekommene Behausungen beherbergen Menschen, die im Dienste der Superreichen um ihr Überleben kämpfen. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, aber es gibt zu wenig Entlohnung für ein sorgenfreies Leben. Um einigermaßen über die Runden kommen zu können, wird früh geheiratet, weil man es gemeinsam eher schafft.
 
Obwohl der Anblick alter Fischersiedlungen zu den touristischen Highlights gehören sollte, verweigern die Touristikguides den Blick auf die Überreste einstiger portugiesischer Besetzer. Dort, wo der Glanz der ehemaligen Weltmacht noch ein wenig durchschimmert, schlägt das Herz Macaos am stärksten. Verlassene Industrieanlagen, zerbröselnde Keramikfassaden, zerfallene Gotteshäuser und von der Natur zurückeroberte Parkanlagen sind die Narben der einst stolzen Besatzer. Nicht lange, und dann sind auch diese überwuchert oder mit Spielkasinos überbaut, und mit ihnen verliert der kleine Inselstaat seinen letzten Rest an Kultur. 
 
Nach dem Auto und dem Schiff ist der Helikopter das beliebteste Verkehrsmittel in Hongkong. Schnell ist der Reiz beim Zuschauen einer Landung auf einem der vielen Hochhäuser verflogen; danach nerven die Kisten nur noch.

Morgen erscheint der Tagesbrief wieder aus Berlin.
Freue mich drauf.
 
Beste Grüße.

Michael
 

 

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