Michael Schultz Daily News Nr. 680

Michael Schultz Daily News Nr. 680



Hongkong, den 16. Mai 2014

Liebe Freunde,

die Nachrichten über das verheerende Grubenunglück in der Türkei beherrschen seit heute auch die Frontseiten der Hongkonger Presse. Besonders der Tritt eines Erdogan-Vertrauten gegen einen am Boden liegenden Demonstranten erregt die Gemüter. Im Economic Journal der angesehen chinesischen Tageszeitung 'Xianbao' wird ausführlich über die Folgen der Untat spekuliert; für das Ansehen der Türkei seien solche Bilder eine 'große Schande'. Anstatt mit den Hinterbliebenen zu trauern, tritt die Staatsmacht den protestierenden, trauernden in den Unterleib. Wenn auch Hongkong mit den Verhältnissen in China kaum vergleichbar ist, kann diese Betrachtungsweise auch als Wink ins Landesinnere verstanden werden. Man kritisiert die Fehlbarkeit ausländischer Regierungen, meint aber auch damit die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land. Ein interessanter Weg, sich mit der derzeitigen Situation in China zu beschäftigen. Noch vor nur fünf Jahren wäre selbst in Hongkong dies nicht möglich gewesen.  

Beim zweiten Rundgang über die 'Art Basel' waren die Augen ein wenig aufmerksamer: nicht alles was scheint, ist auch Gold. Besonders den chinesischen Künstlern ist der Ruhm von Ai Weiwei zu Kopfe gestiegen; alles was irgendwie geht wird zusammengeschweißt und der Kunst ihres, im Westen zu Erfolg gekommenen, Landsmanns nachempfunden. Besonders daneben sind die verklebten Auspuffrohre von Wang Jianwei: ohne erkennbares Konzept, keine gestalterische Spannung, inhaltsleer und nicht mal ein Augenschmaus. Die Installation liegt auf dem Boden, und wenn man nicht darüber stolpert, bemerkt man sie nicht einmal. 


 

Nichtssagend wie der Titel: 1+1=2&1 nennt Wang Jianwei seine Auspuffinstallation. Man muss schon drüber stolpern.

Trotz der westlichen Einsprengsel ist es eine stark asiatisch orientierte Messe, die Experimentierfreudigkeit der Künstler Süd-Ost Asiens prägt das Bild der Veranstaltung. Langweile kommt bei den bekannten 'Brand Galerien' auf: man sieht was man seit Jahren kennt. Konsequent dagegen verfolgt die Berliner 'CFA' Galerie ihre öffentlichen Rückholbemühungen zu Jonathan Meese; eine komplette Außenwand wurde mit frühen Meisterwerken bestückt. Ein klares Statement für den verlorenen Sohn. Bei soviel Liebe sollte doch der Funken wieder überspringen, für die Messe könnte augenblicklich nichts Besseres passieren. Michael Werner zeigt (wie so oft) übriggebliebene Restbestände aus seinem Lager: Immendorff, Baselitz, Penck, Lüpertz, etc.; bei Zilberman aus Istanbul erfreuen keramische Arbeiten der türkischen Künstlerin Burҫak Bingöl, und Wentrup/Berlin präsentiert u.a. eine eher langweilige Kassettenwand von Gregor Hildebrandt. David Zwirner und Judy Lübke zeigen Großformate von Neo Rauch, na ja. Dass in China auch weiterhin gut und anspruchsvoll gemalt wird, ist bei der Pekinger 'Platform' Galerie zu sehen; ein Augenschmaus für die Freunde überzeugender Malerei. 

Trotz so manch auffälliger Nachempfindung überzeugte das Angebot der asiatischen Aussteller weitaus mehr. Ihre Stände waren meist überlaufen, wohingegen das Angebot der aus dem Westen stammenden Mitbewerber weniger aufregend für die asiatischen Sammler zu seinen scheint.  Mit 784 Seiten wurde ein Messekatalog vorgelegt, der mehr ein Kunstwerk ist, dafür weniger zur Information dient.

Wenn es die Zeit zulässt, ist für morgen ein Trip nach Macao geplant. Nicht die Spielhöllen sind es, die interessieren; von der portugiesischen Besatzungsmacht wurde eine sehenswerte Industriekultur hinterlassen, die es zu besichtigen gilt, bevor sie von der Natur zurückerobert wird.

In Berlin kommt es morgen zum Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Weil sich einerseits die Dortmunder mit einem Sieg wenigstens einen Titel sichern wollen, und andererseits die Bayern das den Fans versprochene Tripple zumindest mit einem Double entschädigen wollen, liegt viel Brisanz in der Begegnung. Favorisiert sind die Dortmunder, und es müsste schon einiges schief gehen, wenn sie das Spiel nicht gewinnen. (ARD, 20 Uhr)

Schwere und anhaltende Gewitter gehen heute über Hongkong herunter. Es herrscht Weltuntergangsstimmung. Zeit zum Nachdenken.

Schönes Wochenende.

Michael