Michael Schultz Daily News Nr. 679

Michael Schultz Daily News Nr. 679



Hongkong, den 5. Mai 2014

Liebe Freunde,

weit draußen in der Fremde entrückt man ein wenig dem Alltag. Die Ukraine, Edathy, die NSA, Angela Merkel und die Suche nach der verlorenen MH 370 stehen plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des Denkens. Es sind die neuen Eindrücke die den Tag beherrschen, und so wird auch der Skandal um Erdogans Äußerungen zum Bergwerkunglück in der Westtürkei zur Nebensache. Ohne weiter draufeingehen zu wollen: für die Türken ist es an der Zeit, sich einen anderen Ministerpräsidenten zu suchen. Erdogan spielte das Grubenunglück mit der Bemerkung runter 'sowas kommt vor'.  Diese Äußerung verursachte große Wut im Land und führte zu Demonstrationen in Ankara und Istanbul, aus denen sich Straßenschlachten mit der Polizei entwickelten. 'Schock, Trauer und Wut' titelt heute der Berliner 'Tagesspiegel'; bisher sind 274 Bergarbeiter tot geborgen worden, vermisst werden noch weitere 120 Arbeiter. Erdogans AKP hatte erst vor zwei Wochen einen Antrag zur Untersuchung der mangelhaften Sicherheitsmaßnahmen in der Unfallgrube abgelehnt. Dazu sagte der Ministerpräsident gestern, dass der Antrag reine Taktik gewesen sei, um die Tagesordnung des Parlaments durcheinanderzubringen. Auch wenn es wehtut: mit dieser Denke kann man nur in der Türkei ein politisches Hochamt ausfüllen. 

In Hongkong wurde gestern die 'Art Basel' eröffnet: 245 Galerien aus 39 Ländern zeigen ihre Schätze. Der Gesamteindruck kann sich sehen lassen, auch wenn die 'Basel Brand Galerien' verstärkt hier zeigen, was woanders auch zu sehen ist. Die Stände von Greve, Juda, Buchmann, Gagosian, Zwirner, Perrotin und Pace sehen hier genauso aus wie in Miami Beach oder Basel selbst.  Im Unterschied zu den anderen Spielorten der 'Basel-Kette' ist es den Veranstaltern hier gelungen, die lokale Kunstszene aktiv zu integrieren: 25 Aussteller kommen aus der Region. Ein anderes Ziel der Messe ist es (anderen Messen folgend) den Schwerpunkt von der Spekulation wegzulenken und die Sammler auf eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Kunst zu richten.


 

Ein Blick zurück: so sah unsere letzte Beteiligung an der 'Art Hong Kong' aus. Im Vordergrund der nachgebaute Buick aus dere Serie 'Porcelain Car' von Ma Jun und im Hintergrund die Marilyn/Warhol-Adaption von Zou Cao. Beide Kunstwerke fanden damals ein neues Zuhause.

Nicht übersehbar ist die Richtlinie der Messemacher, dass westliche Galerien die Kunst aus ihren Ländern präsentieren und asiatische Aussteller mit der Kunst aus ihren Heimatländern hier aufschlagen. Im Umfeld der Messe wurden mehr als 100 Begleitveranstaltungen organsiert. Für die asiatischen Künstler ist die Messe besonders wichtig, weil 2017 das Sammlermuseum 'M+'  eröffnet wird.  Dort wird u.a. die umfangreiche Sammlung chinesischer Kunst des Schweizers Uli Sigg beheimatet werden. Überhaupt, an den Schweizern kommt man in Asien kaum noch vorbei: in Hongkong sind es die Baseler und in Singapur organisiert der Erfinder des Miami-Ablegers, Lorenzo Rudolf, das Messegeschehen.  

Neben dem Kunstgeschehen gilt Hongkong auch als Stadt des Essens; sie überrascht mit Vielfalt und Spezialitäten aus aller Welt. Großen Wert wird auf absolute Frische der Zutaten gelegt, die lokale Küche ist der kantonesischen sehr ähnlich. Gewürzt wird vor allem mit Kräutern, sehr scharfe Gerichte sind weniger verbreitet. Nicht nur sämtliche Küchen Chinas werden hier angeboten - alles was in Südostasien an Essen serviert wird, findet man zu erschwinglichen Preisen in den vielen Restaurants von Wan Chai. Alljährlich findet dort ein Food Festival für asiatische Touristen statt. 


Unter Kennern besonders beliebt ist die 'Hong Kong Chicken Oyster'. Diese hähnchengroßen Meeresfrüchte bekommt man nur an ausgewählten Orten. Für einen gut ausgewachsenen Mann besteht eine Mahlzeit aus 4 bis 6 Stück davon. Keine Beilagen; nichts. Die plötzliche Proteinzufuhr erzeugt einen angenehmen Eiweißrausch.

Frische Fische werden im ganzen Stadtgebiet angeboten. Die Tiere werden in Aquarien gehalten, von den Kunden lebend ausgewählt, und danach frisch zubereitet. Unter Kennern beliebt sind die Fischhändler am Ostende von Kowloon. Ein vorsintflutlicher Fischerhafen dient ihnen als Kulisse. Angeboten werden edelste Seewasserfische, feinste Krustentiere, Muscheln in allen Größen und Austern von denen man satt wird. Als Besonderheit wird Lobster-Sashimi angeboten - wer vom Essen besoffen werden will, muss dort hingehen. 

Heute Abend um 22.30 Uhr zeigt das WDR-Fernsehen eine Doku über den ehemaligen deutschen Spediteur Nils Jennrich, der in China wegen Zollvergehens 4 Monate im Knast saß. Was in dem Film wahrscheinlich nicht (und wenn dann überhaupt nur am Rande)  beleuchtet wird, ist das Schicksal seiner chinesischen Kollegin. Diese sitzt seit 2 Jahren in Haft und kein Mensch schert sich um sie. Im Zusammenhang mit seiner Verhaftung bekamen auch wir große Probleme; unsere Galeriedirektorin bekam zeitweise Ausreiseverbot  und musste sich mehrmals bei der Polizei melden. Jennrich, der die steuerverkürzte Kunsteinfuhr zum Markenzeichen seiner Firma etablierte, hat sofort nach Festnahme die Schuld von sich gewiesen und seine Kunden bei der Polizei angeschwärzt. Heute lebt er als 'gedemütigter Ehrenmann' wieder in Deutschland. Zur Anklage kam es nie.

Viel Spaß beim Zusehen. Beste Grüße.

Michael