Michael Schultz Daily News Nr. 678

Michael Schultz Daily News Nr. 678



Hongkong, den 14. Mai 2014

Liebe Freunde,

die Berliner Taxifahrer sind schon eine besondere Spezies. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, eine weitere große Gruppe stammt aus dem ehemaligen Perserreich, und die wenigsten unter ihnen sind waschechte Berliner. Ihre Zuvorkommenheit hält sich in Grenzen, und wirklich freundlich ist kaum einer. Also redet man auch nicht mit ihnen, weil sonst die Gefahr einer Eskalation besteht. Man hört dem Taxifunk zu und erlebt dort manch lustige Geschichte: auf dem Weg zum Flughafen suchte ein ausländischer Kollege per Funk eine bestimmte Straße. Trotz großen Bemühens konnte er die Adresse im Navi nicht finden. Es entstand ein aufschlussreicher Dialog zwischen einigen Kollegen und der Dame von der Zentrale. Nach kurzem Hin und Her beendete diese die Unterhaltung mit der Bemerkung: 'Det is keene Straße, det is ne Chaussee, du Vollesel'. Mein Fahrer kommentierte das ganze mit: Idioten gibt's. Am Flughafen gab's wortlos die Quittung, kein Danke für das üppige Trinkgeld. Das war's dann. Erst hinterher wird einem klar, dass man solch beängstigende Situationen am besten ohne die üblichen 10% Zuschlag ertragen kann.  

Doch draußen in der Fremde sieht es mitunter nicht viel besser aus. Besonders in New York und Paris kann das Fahren mit einem Taxi zur Tortur werden. Sie fahren wie die Wilden und wenn man um Mäßigung bittet, wird man mit den Worten zusammengestaucht: 'Wer ist hier eigentlich der Fahrer, du oder ich'. Man hält die Klappe und freut sich wenn man heil ankommt. Ganz anders ist die Zuvorkommenheit in der asiatischen Welt, dort speziell in den Stadtstaaten Singapur und Hongkong. Die Taxi Driver steigen aus dem Wagen, wenn sie neue Gäste aufnehmen, öffnen ihnen die Tür und bieten als erstes eine Flasche Wasser an. Die Fahrt wird zum Wohlfühlerlebnis, und nicht selten wird der erste Taxifahrer zur Dauerbegleitung während des gesamten Aufenthaltes. Es entstehen Kurzzeit-Freundschaften, die die Reise erträglich gestalten.

Überhaupt gibt es in unserem Land kaum Grund zu meckern und trotzdem eine große Unzufriedenheit. Einer Umfrage unter Flugpassagieren nach sind die Deutschen mit dem Service, speziell mit dem Essen in den Flugzeugen, die Unzufriedensten. Nichts schmeckt und an der Leistung des Kabinenpersonals wird permanent herumgemäkelt. Unsere polnischen Nachbarn dagegen fühlen sich beim Fliegen wohl, ihnen schmeckt es und mit dem Service des Personals sind sie rundum zufrieden. Es gibt ja schon Gründe über die man sich ärgern kann, besonders wenn man bei den sogenannten Billigfliegern einsteigt. Dort soll z.B. bald eine Gebühr für die Toilettenbenutzung erhoben werden; dadurch sollen einerseits Mehreinnahmen generiert werden, aber anderseits auch die Passagiere zum Pipimachen vor Flugbeginn animiert werden, damit der Flieger mit weniger Gewicht an den Start geht und somit Spritkosten eingespart werden. In Sachen Service hat die Lufthansa mal wieder bewiesen wie es auch anders geht: in München hat ein Kapitän versehentlich 5 Fluggäste vergessen. Die Maschine kehrte auf dem Weg zur Startbahn wieder um und sammelte die Zurückgelassen ein. Ein guter Beweis, dass es auch anders geht.  

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte jede andere Fluggesellschaft die Passagiere auf den nächsten Flieger umgebucht. Die Besonnenheit des Flugzeugführers, aber auch die Servicequalität der Gesellschaft hat dies verhindert. Unter diesem Aspekt wird ein wenig verständlich, warum das Lufthansapersonal zu den Spitzenverdienern bei uns im Lande gehört. Perfekte Dienstleistung erfordert umsichtiges Personal.

In Hongkong beginnt heute die 'Art Basel'. Wie bei allen Satelliten der Schweizer Mustermesse sind die Aussteller fast identisch. So ist auch hier im Hauptprogramm zu sehen, was in Basel und in Miami gezeigt wird. Interessant ist die Abteilung 'Discoveries', in diesem Segment wird junge, meist unbekannte Kunst gezeigt. Ein weiteres Messespecial 'Insights' beschäftigt sich mit bekannteren Positionen, die allerdings den Weg in die Topliga des internationalen Kunstmarktes (noch) nicht geschafft haben. Ein genaueres Bild können wir uns nach dem heutigen Besuch machen; wegen der Zeitumstellung gibt es den ersten Messebericht leider erst morgen.


 

Bis auf 29 Grad soll die Temperatur heute in Hongkong steigen. Zwischendurch kommt ganz unverhofft starker Regen auf, der nach einigen Minuten wieder verschwunden ist. Blick auf Hongkong Island, links im Bild der Ausstellungspavillon, in dem die 'Art Basel' stattfindet.

Kunstmessen sind ja nicht nur reiner Marktplatz: Sammler, Kuratoren, Kollegen, Journalisten und so manch Verschollener tummeln sich dort. Zu den abgetauchten gehört auch der ehemalige Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Rolf Lauter, der in Hongkong mit erfrischender Offenheit über sein Scheitern in Deutschland sprach. Er hat sich in der Schweiz angesiedelt und will von dort aus seinen Leidensweg für die Kunst fortsetzen. In Mannheim ging er in die Geschichte ein, als er der völlig unbekannten Künstlerin Nathalie Braun Barends ein Bohrloch durch sämtliche Stockwerke der Kunsthalle erlaubte. An die 800.000 Euro sollen dafür ausgegeben worden sein. Dies und seine offensichtliche private Nähe zur Künstlerin haben ihn den Job und eine gutdotierte Beamtenpension gekostet. Derzeit wird das Gebäude umgebaut und zur Neueröffnung soll das Loch verschwunden sein. Die Künstlerin klagt auf 100.000 Euro Schadensersatz. Zwischen der Künstlerin und dem Kurator gibt es keinen Kontakt mehr. 

Geschichten aus dem Leben sind doch die besten. Bei Christie's in New York wurde für ein Kippenberger-Werk ein neuer Weltrekord erzielt: sein Selbstporträt aus dem Jahre 1988 wurde mit 18,6 Millionen US-Dollar zugeschlagen. Der vorherige Rekord lag bei 6,4 Millionen US-Dollar. Der Käufer stammt aus Asien. Für ein abstraktes Werk von Gerhard Richter mussten knapp 30 Millionen US-Dollar hingelegt werden. Insgesamt wurden bei der Dienstags-Auktion 745 Millionen Dollar umgesetzt; ein historisches Hoch.

Bis morgen.

Michael