Michael Schultz Daily News Nr. 677

Michael Schultz Daily News Nr. 677



Hongkong, den 13. Mai 2014

Liebe Freunde,

mit der Gründung der Art Hongkong im Jahr 2007 hat sich das internationale Kunstmarktgeschehen dort rapide entwickelt. Der Run auf zeitgenössische Kunst wurde zu einem bedeutenden Marktfaktor,  und so dauerte es auch nicht lange, bis die Begehrlichkeiten der Art Basel Macher zu einer Kooperation führten. Im Jahr 2011 wurde aus der Art Hongkong die Art Basel Hongkong, und mit ihr hat sich der Anteil westlicher Galerien deutlich erhöht. In den Jahren 2007 bis 2010 haben auch wir an der Hongkonger Messe teilgenommen; der Hauptgrund für die Stippvisite dorthin liegt ausschließlich im Check-up für eine erneute Teilnahme. Die diesjährige Messe wird morgen eröffnet und läuft bis Sonntag dieser Woche; wir werden das Geschehen dort genau beobachten und uns dann entscheiden, wie wir in Zukunft verfahren wollen. Wie immer gibt's drumherum Verabredungen mit Künstlern und Geschäftsfreunden; der Terminkalender ist prall gefüllt.

Mit über 7 Mio. Einwohnern auf nur 1.104 km² Fläche und einem bedeutenden Wirtschafts- und Finanzsektor zählt Hongkong zu den Weltbusinessmetropolen. 95% der Einwohner sind chinesischer Abstammung mit überwiegend kantonesischer Muttersprache. Der Stadtstaat wurde während des 1. Opiumkrieges (!) 1841 durch das Vereinigte Königreich von England besetzt und per Vertrag 1843 zur britischen Kronkolonie erklärt. Für viele Chinesen war Hongkong Zufluchtsort vor dem von 1927 bis 1949 anhaltenden Bürgerkrieg. Im Jahr 1997 erfolgte die Übergabe der Staatshoheit zurück an die Volkrepublik China. Seitdem ist Hongkong eine chinesische Sonderverwaltungszone unter Beibehaltung einer freien Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie.

Im Rahmen der von Deng Xiaoping entwickelten Doktrin "Ein Land, Zwei Systeme" bleibt das demokratisch-marktwirtschaftliche System Hongkongs mindestens 50 Jahre neben dem autoritären System der Volksrepublik China bestehen, so dass Hongkongs Rolle als eines der Finanzzentren Asiens gesichert bleibt. Die Autonomie erlaubt es Hongkong zwar, seine eigenen Gesetze, Zölle sowie eine eigene Währung zu haben, dennoch mischt sich die Regierung Pekings häufig in die Innenpolitik ein (Wikipedia). Die Stadt liegt an der Mündung des Perlflusses in das Südchinesische Meer und besteht aus insgesamt 263 Inseln. Von der Gesamtfläche Hongkongs sind nur etwa 25% bebaut; ein wesentlicher Teil der bebauten Fläche entstand durch Landgewinnung im Victoria Harbour. Dadurch sind seit 1887 68 km² hinzugekommen.

Hinsichtlich der Bevölkerungszahl ist Hongkong die drittgrößte Metropolregion der Volksrepublik China. Nach Monaco zählt die Stadt zu den am dichtesten besiedelten Städten der Welt. In den letzten 60 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl von 1,7 Mio. auf knapp 8 Mio. Anwohner vervielfacht. Keine Kinder zu haben, gehört zur Familienplanung dort und hat weltweit (nach Macao) den zweitniedrigsten Wert. Die Wohnsituation ist in dem meist hügeligen Territorium recht angespannt; die hohen Mieten haben großen Anteil daran, dass Hongkong als eine der Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten der Welt gilt. Nach offiziellen Angaben leben dort um die 100.000 sogenannte 'Cage People'; zu Deutsch Käfig-Menschen. Das ist die Bezeichnung für Bewohner, die mit mehreren Personen in einem engen Raum wohnen. Die Räume sind dabei durch abschließbare Käfige oder Holzboxen, welche etwa 2 m hoch und teilweise doppel- oder dreistöckig gestapelt sind, in einzelne Bereiche geteilt, die kaum größer als eine Schlafstätte sind. Küche und Sanitäranlagen werden gemeinsam genutzt, wobei eine Toilette oftmals für 10 Personen genügen muss. Für die Käfige werden umgerechnet pro Monat ca. 150 bis 180 € Miete bezahlt.

Das Verhältnis zu den Festlandchinesen ist in jüngerer Zeit vermehrt von Spannungen geprägt worden, so ist Hongkong aufgrund seiner liberalen Haltung touristisch sehr beliebt, und Familien erhoffen sich bessere ärztliche Versorgung, versuchen der Ein-Kind-Politik zu entkommen. In Hongkong Geborene erhalten automatisch das Niederlassungsrecht; die Einheimischen distanzieren sich jedoch vermehrt, da sie sich von den Festlandchinesen überrollt fühlen. Besonders Wohlhabende drängen immer mehr nach Hongkong und dadurch haben sich die Preise für Immobilien enorm nach oben entwickelt.

In Hongkong ist jeder selbst für seine Krankheits- und Altersversorgung zuständig, eine Umverteilung der Einkommen wie dies in vielen Wohlfahrtstaaten praktiziertet wird, ist dort unbekannt. Wegen kaum vorhandener natürlicher Ressourcen ist die Stadt sehr stark vom internationalen Handel abhängig. Es gibt dort ein gut überwachtes Bankensystem, die Stadt verfügt über eine der fortschrittlichsten Informations- und Telekommunikationsstrukturen der Welt. Auch der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle mit wachsender Bedeutung.

Trotz chinesischer Dominanz gibt es in Hongkong eine interessante kulturelle Vielfalt, diese konnte sich vor allem deshalb entwickeln, weil sie von den Wirren der Kulturrevolution verschont geblieben ist und gleichzeitig als Zufluchtsort für Kulturschaffende diente.

In den nächsten Tagen erwarten mich viele Begegnungen an interessanten Orten, über diese, aber auch über viele weitere Begebenheiten werde ich in den kommenden Tagen in meinem Tagesbrief informieren.

See you tomorrow,

Michael