Michael Schultz Daily News Nr. 676

Michael Schultz Daily News Nr. 676



Berlin, den 12. Mai 2014
 
Liebe Freunde,

aus den Nachrichtentickern der bundesdeutschen Medien überschlugen sich die Meldungen zur Abstimmung über die Separierung der Ostukraine. So werde das umstrittene Referendum weder von Kiew noch vom Westen anerkannt, weil die Abstimmung auf keinerlei Gesetzesgrundlage beruht. Es soll kopierbare Wahlzettel gegeben haben, jeder konnte wählen, so oft er wollte, wird berichtet, und worüber abgestimmt wurde, ist bewusst vage gehalten. 89 Prozent in Donezk stimmten für eine Abspaltung. Der Hass auf die Kiewer Übergangsregierung mit Präsident Alexander Turtschinow ist für die meisten Menschen dort bestimmend. Die Regierung in Kiew bezeichnet das Referendum der Separatisten als "Kampagne von Kriminellen” und macht Russland für die Organisation verantwortlich. Es wird betont, das Ergebnis der Abstimmung werde keinen Einfluss auf die territoriale Einheit des Landes haben. Nordwestlich von Donezk soll es während der Wahlen zur blutigen Konfrontation gekommen sein. Die ukrainische Nationalgarde habe in eine Menge geschossen, die vor einem Verwaltungsgebäude versammelt war. Das US-Außenministerium kritisierte die Regierung in Moskau, sie habe ihren Einfluss auf die Separatisten nicht geltend gemacht, um die Abstimmung zu verhindern. US-Söldner unterstützen angeblich Sicherheitskräfte der Ukraine, laut des BND führen rund 400 Mitarbeiter des amerikanischen Unternehmens Academi schwer bewaffnete Guerilla-Angriffe in der Nähe der abtrünnigen Stadt Lugansk aus. Academi bestreitet den Einsatz in der Ukraine. Im Westen wird über verschärfte Sanktionen gegen Russland nachgedacht, besonders die Polen fordern eine härtere Gangart. Gregor Gysi hingegen sprach sich gegen einseitige Schuldzuweisungen in dem Konflikt aus, er reist im Auftrag der Linksfraktion nach Moskau, um dort zur Deeskalation beizutragen. Der russische Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin drohte auf Twitter, er werde Rumänien demnächst mit einem Bomber ansteuern, weil ihm Rumänien unter Verweis auf EU-Sanktionen gegen ihn den Überflug verweigerte. Immer unübersichtlicher wird die Situation in der Ukraine, im Vorfeld zu den in zwei Wochen stattfindenden Parlamentswahlen wird immer offener von Bürgerkrieg gesprochen.

Unterdessen wehrt sich Altkanzler Schröder gegen Kritik: Nach seinem umstrittenen Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin wurde Altbundeskanzler Gerhard Schröder als unverantwortlich kritisiert. Die Militärbeobachter, die zu dem Zeitpunkt in der Ostukraine festgehalten wurden, sind nun wieder frei. Schröder verteidigt sich in einem Interview mit der 'Welt am Sonntag', Putin sei keine Persona non grata, und das Gespräch mit ihm habe zur Freilassung der OSZE-Militärbeobachter beigetragen. Schröder sieht den "Anfangsfehler" in dem Ukraine-Konflikt bei der EU.  Um erfolgreich eine weitere Deeskalation verhindern zu können, müsse man auf gleicher 'Augenhöhe' verhandeln,  die verhängten Sanktionen seien für diplomatische Bemühungen das Schlechteste, was man machen könne. 


Zur Abstimmung für den 'European Song Contest' rief der ukrainische Politboxer Klitschko zur Stimmabgabe für sein Land auf. Mit den Stimmen für die Ukraine solle der Kampf um den Maidan international unterstützt werden. Die Organisatoren verwehrten sich gegen den Missbrauch und forderten, nur nach Qualitätskriterien abzustimmen. Aus Russland gab es Stimmung gegen den Transvestiten, Tom Neuwirth, der in der Kunstfigur Conchita Wurst den Contest mit überwältigender Mehrheit gewonnen hat. Doch, sogar die als homophob verschrieenen Russen verliehen ihm fünf von zwölf möglichen Stimmen. Der Künstler selbst sieht in der Abstimmung auch einen eindeutigen Hinweis auf Toleranz und Respekt gegenüber seiner offen gelebten Homosexualität.


Im ostwestfälischen Paderborn sitzen die Bewohner in der Regel auf dem Beichtstuhl, bevor sie zur Arbeit gehen. In tief katholischen Gegenden ist dies nichts Ungewöhnliches. Die Fußballspieler des SC fahren nach dem Melken mit dem Trecker zum Training; auch dies ist dort nichts Besonderes. Dass die tief gläubige Bauerntruppe jetzt den Aufstieg in die Fußballbundesliga geschafft hat, grenzt allerdings an ein großes Wunder. Die Achtung vor dieser Leistung wird im Bundesligaalltag recht schnell mit Häme übergossen werden; aus München war zu hören, dass bei einem ersten Test das Navigationsgerät im Mannschaftsbus das Hermann-Löns-Stadion (Benteler-Arena) nicht ausfindig machen konnte. Die gute alte Landkarte ist wieder gefragt - vielleicht hat das ja auch was Gutes.


In London leben einer Umfrage zu folge so viele Superreiche wie sonst nirgendwo auf der Welt. 72 Bewohner der britischen Hauptstadt verfügen über ein Vermögen von mehr als einer Milliarde Pfund. Platz 2 belegt Moskau mit 48 Milliardären, gefolgt von New York, wo immerhin noch 43 Menschen mehr als eine Milliarde auf dem Konto haben. In England, wer hätte das gedacht, leben auch mehr Milliardäre im Verhältnis zur Bevölkerung. Auf rund 600.000 Briten kommt ein Superreicher; in den USA liegt der Schnitt bei rund einer Million.


Am 21. Mai wird in New York ein Museum eröffnet, in dem an den 11. September 2001 erinnert werden soll. Dort sollen jetzt auch Überreste nicht identifizierbarer Opfer gezeigt werden. Unter den Hinterbliebenen gibt es Protest für die Zurschaustellung der Leichenteile, für sie sind die sterblichen Überreste heilig, 'ob identifiziert oder nicht'.


Das Interesse an der Berliner Ai Weiwei Ausstellung ist ungebrochen. Seit Anfang April sind bereits über 100.000 Besucher in der Show gewesen. In Fachkreisen ist die Ausstellung sehr umstritten, aber vielleicht ist das ja der Garant für die Besucherscharen. Die Show ist noch bis zum 7. Juli zu sehen; wenn das Interesse nachhaltig bleibt, werden wohl eine viertel Million Neugierige den Weg in den Berliner Gropius Bau finden.


Morgen, so Gott will, kommt der Tagesbrief aus Hongkong. Wegen der Zeitumstellung voraussichtlich in verkürzter Form.


Bis dahin,
Michael.