Michael Schultz Daily News Nr. 675

Michael Schultz Daily News Nr. 675

Venedig, den 9. Mai 2014

Liebe Freunde,

eine Reise in die Lagunenstadt soll ja zu jeder Jahreszeit etwas Besonderes sein. Selbst bei Regenwetter vermittelt Venedig den Charme einer umwerfenden Grande Dame. Die Gondolieres ziehen jedes Jahr Millionen von Touristen geradezu magisch an; sie kommen mit dem Zug, dem Auto, per Flugzeug und mit dem Schiff. Allein aus Russland starten und landen tagtäglich mehrere prallgefüllte Maschinen. Für die Einwohner ist dies Segen und Fluch zugleich. Man lebt von den Fremden und weil es davon im Überfluss gibt, wird für den Broterwerb auch nur das Nötigste getan. Unfreundliches Personal, überteuerte Dienstleistungen und Mittelmaß bei den Speisen. Doch es wird hingenommen, als sei es das Normalste auf der Welt. Die Besucherzahlen erreichen immer höhere Rekorde und mit ihnen kommen die Goldgräber in die Stadt. Venedig steht vor dem Ausverkauf, schallt es aus allen Gassen - die Russen sichern sich schon jetzt die besten Ecken. Irgendwann in weiter Zukunft, wir werden es wohl kaum selbst erleben, wird auch hier zu einem pro-russischen Referendum aufgerufen. Putins Reich erweitert sich um eine weitere (Halb-) Insel; mit St. Moritz, St. Tropez, Baden-Baden, Monaco und Cannes erobert sich das russische Reich die Filetspitzen vergangener Speisekarten. Was zunächst als Relaunch willkommen war, wurde wegen des unersättlichen Hungers der Besetzer zum Fluch der bald Heimatlosen. Gerne würde man mancherorts das Rad ein wenig zurückdrehen, doch das ist leichter gesagt als getan. In Venedig gibt es erste, aber zaghafte Versuche, dem Zustrom Einhalt zu gebieten. Doch Resignation überstrahlt den Eifer einiger Weniger.

 

Durch ihren Wellengang verursachen diese Überseedampfer die Zerstörung der Uferbefestigung. Eine Fahrt durch die Wasserstraßen ist für die Passagiere ein Highlight ihrer Weltreise. Seit langem kämpft eine Gruppe Unerschrockener um ein Verbot. Vergebens.

Der Zweck unserer Reise waren vorbereitende Gespräche für die im kommenden Jahr stattfindende Biennale. Im ersten Step konnten wir die Kuratoren mit unserem Konzept überzeugen, doch bis zur endgültigen Entscheidung ist es noch ein langer Weg.

Karl Lagerfeld (80), Modezar und bekennender Exzentriker, hat ein einfaches Rezept gegen das Älterwerden. 'Man darf seine Neugierde nicht verlieren, sonst geht die Energie weg', sagte er in einem Interview mit der 'Zeit'. Zudem meinte der gebürtige Hamburger 'ein Fußtritt in den Po ist das Gesündeste, was man kriegen kann.' Mit diesem Bekenntnis endlich wird aus dem sexuellen Neutrum ein Mann mit klarer Ansage. Wie stark der Arschtritt allerdings sein darf, hat er verschwiegen. Von Schönheitsoperationen hält er wohl auch nichts: 'Nichts macht älter, als wenn man versucht, jung auszusehen. Man kann allen was vormachen, nur den jungen Leuten nicht.' Wer als Jugendlicher schon alt aussah, kann gut reden.

Das Kunstmuseum Bern will die Rückgabegespräche für Raubkunst aus dem Gurlitt-Erbe genau prüfen. Eine Möglichkeit, das Geschenk abzulehnen, wird ebenfalls in Erwägung gezogen. Unterdessen prüft der Freistaat Bayern, ob die Bilder das Land überhaupt verlassen dürfen. Einmal in den Asservaten - immer in den Asservaten. Anscheinend haftet das Vermächtnis der Hitlerdiktatur unzertrennlich an den Kunstwerken.

Heute Abend wird im Kunstforum Essenheim die Ausstellung 'Nachtgelee' (oder wie aus Marmelade Kunst wird) eröffnet. Die Reihe 'Essen und Kunst' wird fortgesetzt mit den Arbeiten der beiden Berliner Künstlerinnen Sonja Alhäuser und Heike Kati Barath. Im Rahmen des diesjährigen Kultursommers Rheinland-Pfalz konzipieren sie eine Ausstellung, die dem Motto 'Mit allen Sinnen' in jeder Hinsicht gerecht wird. Die Künstlerinnen gehen der Frage nach, inwiefern wir in unserem Essverhalten, Geschmacksempfinden, in unseren Vorlieben und Abneigungen durch unsere Mütter geprägt sind. In jeder Familie gibt es spezielle Rezepte, die oft ganz eigene, lautmalerische Bezeichnungen tragen. 'Nachtgelee' heißt zum Beispiel eine Marmelade, die die Mutter von Heike Kati Barath ihrer Tochter nach Berlin schickt, um ihr ein Stück Zuhause mitzugeben.

Sonja Alhäuser  ist bekannt für ihre barocken Skulpturen und Buffets aus essbaren Materialien wie Schokolade und Margarine. Der Besucher darf in Essenheim selbst Hand anlegen, formen, essen, schmecken und riechen. Heike Kati Barath lehrt an der Kunsthochschule Bremen Malerei. Ihre großformatigen Bilder zeigen stark schematisierte, comicartige Figuren von denen eine eigentümliche, befremdliche Präsenz ausgeht. Oft sind ihre Figuren im Begriff, sich etwas Essbares einzuverleiben. In Essenheim zeigen die beiden Künstlerinnen auch zeichnerische Gemeinschaftsproduktionen, die ihre Auseinandersetzung  mit den Zusammenhängen von Essen, Tradition und Familie sichtbar machen. Natalie de Ligt,  ehemalige Leiterin der Kunsthalle Mainz, übernimmt die Einführung. Zur Eröffnung gibt es außerdem eine Sektperformance von Sonja Alhäuser.  (Kunstforum Essenheim, 20 Uhr, bis zum 1. Juni, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr)

Wir eröffnen morgen die beiden Ausstellungen von Bernd Kirschner und Ma Jun. Zwischen 19 und 21 Uhr findet die Vernissage statt; über jeden Besucher freuen wir uns. Den Auswärtigen und Verhinderten haben wir die Kunstwerke ins Netz gestellt. www.schultzberlin.com

Doch bevor unsere Vernissagen beginnen, kämpfen in der Fußballbundesliga der HSV, der 1. FC Nürnberg und Eintracht Braunschweig um den Relegationsplatz. Die besten Chancen haben die Braunschweiger, die mit einem Sieg über Hoffenheim gegen den 3. Der Zweiten Liga um ihren Verbleib im Oberhaus kämpfen können. Vorausgesetzt, und davon kann man ausgehen, dass die anderen beiden Teams ihre Spiele verlieren.

Schönes Wochenende.

Michael

 

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