Michael Schultz Daily News Nr. 672

Michael Schultz Daily News Nr. 672



Berlin, den 6. Mai 2014

Liebe Freunde,

'Russophobie' könnte zum Unwort des Jahres 2014 werden. Nicht so sehr in der Tiefe der Gesellschaft wird diese gelebt mehr in den Höhen parlamentarischer Überheblichkeit. Den Dauerkonflikt in der Ukraine bewerten die Menschen auf der Straße weniger bedrohlich als die Mandatsträger, ja viele sind der Meinung, dass von Seiten unserer Regierungschefin zu wenig Einsatz kommt. Nicht nach Washington hätte sie reisen sollen sondern nach Moskau, dort findet sie die richtigen Ansprechpartner. 'Vermutlich', so ein Straßenpassant im Morgenmagazin, 'liegt es an ihrer ostdeutschen Herkunft, dass sie mit den Russen nicht kann'. Biografische Vorurteile können die Ursache für ihre Aversion im Blick auf Russland sein. Unterdessen erklärt ihr etwas weitsichtiger Chefdiplomat, Außenminister Steinmeier, dass der ukrainische Aufstand eine 'erhebliche Eigendynamik' hat und der Einfluss Moskaus weitaus geringer ist, als im Kanzleramt vermutet wird. 'Es gibt Gruppierungen im Osten der Ukraine, die weder auf Kiew hören noch auf Moskau‘, sagte er gestern Abend dem ZDF. Er ist sich 'inzwischen ziemlich sicher, dass nicht alle dort agierenden Gruppen auf die Töne und Anordnungen‘ aus dem Kreml hören. Die russische Führung werde dadurch zum Gefangenen einer Stimmung, die sie selbst verursacht habe. Noch scheut man sich das Kind beim Namen zu nennen: in der Ukraine herrscht Bürgerkrieg, und je nach Orientierung werden die Parteien von der EU/USA oder aus Moskau unterstützt. Angezettelt wurde das Ganze von den Unterstützern; ein bekanntes Prinzip exterritorialer Kriegsführung. 

Für seine Teilnahme am jetzt schon zur Legende gewordenen Geburtstagsdinner mit Altkanzler Schröder und Wladimir Putin sollte der CDU - Politiker Philipp Mißfelder von seiner Fraktion abgestraft werden. Den Posten des außenpolitischen Sprechers wollte man ihm abnehmen, doch nach einem Vieraugengespräch mit seinem Fraktionsvorsitzenden Kauder darf er die Position behalten. Doch er gilt als angezählt, und das war ja noch nie nichts Gutes für einen Politiker, den seine Partei noch bitter nötig haben wird. 

Laut 'Wikipedia' ist Hass eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie. Ausgehend von der Fähigkeit zu intensiven, negativen Gefühlen wird der Begriff auch im übertragenen Sinne verwendet und steht allgemein für die stärkste Form der Abwendung, Verachtung und Abneigung. Die Motive des Hassenden sind teils unbewusst, können in der Regel jedoch bewusst gemacht werden. Als Gegenbegriff in vergleichbarer Gefühlsstärke wird vor allem die Hassliebe angesehen. Hass entsteht nicht aus dem Nichts. Hass kommt auf, wenn Tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.


Tiefgründige Abneigung ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Im Alltag, im Beruf, aus Frust und im Sport. Dort besonders beim Fußball wie jetzt gerade am Wochenende im italienischen Pokalendspiel zwischen dem AC Florenz und SSC Neapel deutlich wurde. Im gesamten Stadtgebiet von Rom, wo das Spiel stattfand,  wurde eine Straßenschlacht mit zum Teil lebensgefährlich verletzten Fußballfans der Weltöffentlichkeit vorgeführt. Zutiefst sich hassende Fans haben aufeinander eingeprügelt, was das Zeug hielt.  Das Spiel konnte erst nach Vermittlung zwischen einem stattbekannten neapolitanischen Hooligan und dem Mannschaftskapitän seiner Mannschaft angepfiffen werden. Gut, dass die Neapolitaner mit 3:1 gewonnen haben. Sonst hätten sie Rom verwüstet.

Aber auch bei uns in Deutschland wird im Fußball polarisiert. Ganz oben an der Geisterscheide steht der FC Bayern. Ihn liebt man - oder man hasst ihn. So zumindest sehen es die Autoren im gerade erschienen Buchband '111 Gründe, Bayern München zu hassen'. Sie verstehen ihr 300 Seiten - Werk als 'Motz- und Meckerschrift gegen den leider besten Fußballverein der Welt', und offenbaren mit diesem Untertitel, dass ihr Hass im Neid ihren Ursprung hat. Ein bisschen nehmen sich die Autoren selbst aufs Korn, weil keiner so wirklich richtig weiß, warum er die Bayern nicht mag. Das Kapitel zum Grund Nummer 6 wird mit 'Weil so viele die Bayern hassen, Bayern gar nicht hassen' überschrieben. Vielleicht ist das die Erklärung für die Dauerpräsenz der Münchener Fußball Combo. Man muss das Buch nicht lesen, ist aber für Freund und Feind eine gute Geschenkidee. (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 308 Seiten, ISBN 978-3-86265-375-1, Euro 9.95)


Zum Schluss heute noch eine Meldung aus der bunten Ecke: in Guatemala wurde von der Polizei ein Mann mit fast 2,3 Millionen Dollar Bargeld festgenommen. Die Kohle befand sich in seinem Auto, es wird vermutet, dass der 48-Jährige auf dem Weg zu seinem Dealer war. Auch in Südamerika muss für reinstes Koks mittlerweile viel Geld auf den Tisch gelegt werden. Wenn es zum Eigenbedarf war, hätte es eine Weile gereicht - jetzt gibt's erstmal Dauerschnupfen.

In unserer gestrigen Ausgabe hat uns mal wieder der Druckfehlerteufel schwer zugesetzt. Wir geloben Besserung.

Beste Grüße.

Michael