Michael Schultz Daily News Nr. 671

Michael Schultz Daily News Nr. 671

Berlin, den 5. Mai 2014
 
Liebe Freunde,
 
der ehemalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle und der MoMA Direktor Frank Ahimaz waren die letzten Gäste unserer Gerhard Richter Ausstellung. Gestern Abend gegen halb acht wurden die Tore geschlossen; mit ihnen wurde die Show von annährend 2.000 Besuchern gesehen. Alleine am Samstag zählten wir 253 Kunstfreunde. Obwohl wir kein offizieller Partner des Gallery Weekend waren, fuhren am Freitag und Samstag die schwarzen Limousinen der VIP-Gäste im Minutentakt bei uns vor. Interessante neue Kontakte sind entstanden, aber auch mit den Platzierungen sind wir nicht unzufrieden. Der Markt für Arbeiten von Gerhard Richter ist voll in Bewegung und hat seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht; vom seriösen Handel wird erwartet, dass in drei bis vier Jahren die 100 Millionengrenze auf dem Auktionsmarkt überschritten wird. Auf hohem Niveau wir das Geschäft von einem enormen Hype beflügelt; im Schlepptau zieht dies so manchen Schnäppchenjäger mit sich. 'Spezialisten', die heute mit Immobilien handeln, morgen mit altem Wein und sich übermorgen als Oldtimerfachleute ausweisen, sind auf Richter-Jagd und dealen mit Ware, die sie teilweise noch nie gesehen haben. Uns wurden bereits am dritten Tag nach der Eröffnung Bilder angeboten, die bei uns in der Ausstellung hingen und 30% mehr kosten sollten. Eigentlich geht das gar nicht, weil aber Viele sich ein schnelles Geschäft erhoffen, zirkulieren die Bilder solange, bis sie dort überteuert ankommen, wo sie verwertbar sind. Die fliegenden Händler suggerieren ihren meist ahnungslosen Kunden Kennerblick, haben aber nur die schnelle Mark im Auge. Kunst kauft man am besten dort, wo es fachmännische Beratung gibt und der Händler den Käufer auf lange Sicht begleitet. Das ist wie im normalen Leben auch: Benzin gibt es an der Tankstelle, das Brötchen beim Bäcker und den Wecker beim Uhrmacher. Schuster bleib bei deinen Leisten - ein altes Sprichwort, welches in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt.
 
Unter den vielen Internetportalen, die sich mit der Kunst beschäftigen, gehört 'Artnet' zur absoluten Weltspitze. Professionelle Marktrecherchen, Künstlerportraits, Ausstellungsberichte, Auktionsergebnisse und vieles mehr gehören zum Service der Plattform. So gut wie alle Künstler, die weltweit aktiv sind, sind dort gelistet. Jeden Monat wird die Liste der '300 Most Visited Artists' bekannt gegeben, das sind diejenigen, mit den meisten Klicks auf der 'Artnet' Webseite. Im April dieses Jahres wird die Aufzählung von Banksy und Andy Warhol angeführt. Auf Platz 99 erscheint SEO, mit diesem Ranking lässt sie Kollegen wie Ai Weiwei (135), Richard Prince (146), Anish Kapoor (184), Neo Rauch (217), Jonathan Messe (257 und Marina Abramovic (294) weit hinter sich. Die Neugier zum Werk von SEO ist deutlich gestiegen; ablesbar auf der neutralen Klick-Skala.
http://www.artnet.com/artists/top-300-artists/
 
Dass Künstler auch nach ihrem Tod oft sprudelnde Geldquellen für ihre Nachfahren sind, ist nichts Ungewöhnliches. Absoluter Großverdiener unter den Verstorbenen ist der Popstar Michael Jackson, der mit seinem Tod im Jahr 2009 mehr als 700 Millionen Dollar in die Kasse der Erben spülte. Vor ihm hat dies noch kein anderer Solokünstler, tot oder lebendig, weltweit geschafft. Mit dem Erwerb der Rechte an fast allen Beatles-Songs im Jahr 1985 für 47,5 Millionen Dollar hat Jackson die Grundlage für sein Business geschaffen. Später kamen noch Anteile an dem weltgrößten Musikverlag Sony/ATV hinzu. Wie hoch der Anteil eigener Produktionen am Gesamtvolumen ist, wurde nicht bekannt gegeben.
 
In Australien darf länger gearbeitet werden. Die Regierung will dort das Rentenalter bis zum Jahr 2035 auf 70 Jahre anheben. Der Schritt gehört zu einem Reformpaket, das nach Darstellung der Regierung eine drohende Finanzkrise abwenden soll. Bei uns in Deutschland ringt man um die Rente mit 63; wenn das Gesetz zur Anwendung kommt, dürfen viele von uns bald nicht mehr ins Büro. Wünschenswert wäre eine Ausgleichsreglung, in der festgelegt wird, dass diejenigen, die länger arbeiten wollen, es auch dürfen und wegen ihrer zu erwartenden kürzeren Rentenempfängnis diese dann dafür um einiges höher ausfällt. Für die Regierungsmathematiker sicherlich keine allzu schwere Rechenaufgabe.
 
Ein unscharfes Foto, auf dem die Umarmung zweier Männer zu sehen war, verursachte bei uns im Lande am vergangenen Montagabend einen großen Aufschrei. Zu sehen waren Altkanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin, bei einer unter Freunden üblichen, herzlichen Begrüßung. Man traf sich zur Nachfeier des 70sten Geburtstag von Gerhard Schröder. Aus dem Lager der Kanzlerin wurde über die Begegnung gelästert; das Zusammentreffen der Beiden grenze an Hochverrat, stimmten unisono die Unermüdlichen aus der rechten Unionsecke. Ausnahme der CSU-Vize Peter Gauweiler, der die Begegnung zur Konfliktbereinigung für mehr als förderlich hält. Im Ergebnis, und das muss man Schröder zu Buche schreiben, wurden aufgrund seiner Intervention die festgehaltenen OSZE-Mitarbeiter wieder freigelassen. Doch anstatt, wenigstens in einer Randbemerkung, ihm für die Vermittlung dankbar zu sein, wird weiter nachgedieselt. 'Deutsche Offiziere darben bei Brot und Wasser, und Schröder feiert bei Putin mit Kaviar', verbreitete der CSU-Generalsekretär. Ob dies zusammenpasse, wurde Gauweiler vom 'Spiegel' befragt: 'Darf man mit Fidel Castro über mehr Freiheit reden und eine von ihm angebotene, teure Zigarre annehmen und mitrauchen? Ich denke, man muss - selbst wenn man Nichtraucher ist', antwortete der CSU-Vordenker. Ganz bescheiden bestätigte Schröders Büro auf Anfrage, dass man auch über die OSZE-Geiseln gesprochen habe. Keine Spur von Überheblichkeit oder gar Prahlerei. Schröder hat das nicht nötig - er agiert eben wie ein elder statesman.
 
Mit von der Partie im St. Petersburger Jussupow-Palais war auch Philipp Mißfelder, der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion. Weil man dem Ex-Kanzler wegen seiner Verdienste um die Freilassung der Geiseln kaum noch was anhaben kann, konzentriert sich nun der Unmut auf den CDU-Politiker. Mißfelder berichtete von ernsten Gesprächen mit Putin, in denen die Situation in der Ukraine, aber auch deren abzusehenden Folgen für den Weltfrieden erörtert wurden. Seine Teilnahme am Geburtstagsdinner war rein privat, und dennoch hat er sich in den Disput zur Gefahrenabwehr in der Ukraine eingemischt. Für Politiker mit Weitblick und Herzblut sind solche Gelegenheiten ein wahrer Segen. Mißfelder hat sie genutzt und soll, wenn es nach den Regeln der CDU-Hardliner geht, heute dafür sein Amt als außenpolitischer Sprecher abgeben. Für die Altvorderen seiner Partei war ein Blick über den Tellerrand seit jeher verpönt. Dass sich die Zeiten gewandelt haben, ist in der durch den christlichen Glauben geprägten Volkspartei zwar angekommen, aber noch nicht bei allen. Ihn jetzt zu opfern, wäre die größte Dummheit, die sich die CDU antun könnte. Seine Überzeugungskraft und Eloquenz ist für die Partei von Angela Merkel dann von großem Wert, wenn die Vorfrau nicht mehr will. Ein großer Hoffnungsträger, der eine ganze Partei mitreißen kann.
 
In der Ukraine herrscht mittlerweile Bürgerkrieg. Die Nachrichten überschlagen sich; aus Odessa werden viele Tote gemeldet, und überall im Land wird gezündelt. Die Übergangsregierung hat das Land so gut wie aufgegeben. Pro-Russische Freischärler nehmen sich, was sie wollen, die ukrainische Polizei und das Militär sehen dem Treiben tatenlos zu. Die zur Herstellung der von der Staatsgewalt eingesetzten 'schweren Waffen' schaffen noch mehr Unheil. Jetzt hilft nur noch der Bruderkuss zwischen Merkel und Putin. Doch zum Dinner in Sotchi war sie nicht erschienen. Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät.
 
Warten wir auf morgen und hoffen auf die Besonnenheit unserer Politiker.

Beste Grüße,

Michael