Michael Schultz Daily News Nr. 664/5

Michael Schultz Daily News Nr. 664/5



Berlin, den 25. April 2014

Liebe Freunde,

an die 100 Besucher haben gestern unsere Ausstellungsräume besucht. Die Neugierde auf Gerhard Richter, aber auch auf das Werk von Kim Yusob treibt sie zu uns. Mitgeholfen hat sicherlich der Aufmacher der 'Berliner Zeitung' vom Mittwoch. Ohne die redaktionelle Begleitung der Medien wären die vielen Interessenten nur schwerlich zu erreichen. Unsere werblichen Aktivitäten halten sich dagegen in Grenzen: Anzeigen in den einschlägigen Publikationen und der Versand von rund 7.000 Einladungskarten. Weil wir neben dem Ausstellungsbetrieb auch noch unsere Tagesarbeit verrichten, sind  mehr als  100 Ausstellungsbesucher  kaum zu verkraften. Am Ende des Tages weiß man, was man getan hat.

Doch, anderswo wie z. B. in Chelsea, dem angesagten New Yorker Galerienviertel, geht es das ganze Jahr über zu wie im Taubenschlag. Die Mitarbeiter der Galerien verhalten sich selektiv und betreuen nur ausgewählte Kunden aufmerksam und höflich. Nicht selten sind Kleidung und Aussehen die Entscheidungshilfen für zuvorkommende Behandlung. Die meisten Besucher werden kaum wahrgenommen, weil der Blick auf den Bildschirm weitaus erträglicher ist. Alleine schon die Frage nach einem Katalog stiftet Verwirrung und wird nicht selten schroff beantwortet. Permanent wird  das Gefühl vermittelt, dass man stört. Richtig wohlfühlen kann man sich nur in den Galerien wo das Personal nicht zu sehen ist. Etwas gediegener geht man im Pekinger Galerien- und Szeneviertel 798 mit den Neugierigen um. In China legt man noch nicht so viel Wert auf Äußerlichkeit, und deshalb hat auch der Besucher in der Trainingshose gute Chancen auf professionelle Betreuung.

Jeder macht es halt so gut er es kann. Richtig erfolgreich durchs Leben kommt man, wenn man sein Gegenüber mindestens genauso wichtig nimmt, wie sich selbst. Arroganz und Selbstüberschätzung gehören leider auch ein wenig zum Berufsbild des Galeristen. Weil es davon mittlerweile genügend gibt, kann man sich unter vielen seinen Lieblingsgaleristen aussuchen. Gott sei Dank. Und wenn der richtig gut ist, dann gibt es auch Beratung, die weit über sein Programm hinaus reicht. Dasselbe gilt für die Künstler; auch sie suchen sich unter vielen den richtigen Partner aus. Mit A.R. Penck, der uns gestern ebenfalls besuchte, haben wir für das kommende Jahr eine Ausstellung vereinbart. 

Von Jean-Christophe Ammann ist vor kurzem der Band 'KUNST? JA, KUNST' erschienen. Auf über 300 Seiten geht er darin eindrucksvoll der Frage nach, was denn nun wirklich Kunst ist. Er entschlüsselt 'die Sehnsucht der Bilder' und zeigt auf 'dass in Zeiten der allgemeinen Beliebigkeit, in denen alles erlaubt, alles geht, alles für gut befunden wird, es darauf ankommt, Künstlerinnen und Künstler zu beachten, die authentisch, intensiv und nachhaltig arbeiten und wirken' (Klappentext). Anhand von Beiträgen über ausgewählte Künstler (Franz Gertsch, Dennis Hopper, Joseph Beuys, Lars von Trier u. a.) legt Ammann dar, 'wie wir das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Beständige vom Flüchtigen, und das Intensive vom Oberflächlichen unterscheiden'. Ein eigenes Kapitel ist auch Cornelia Schleime gewidmet: '(...) dachte ich über Cornelia Schleime nach. Es ist ein Werk, das explizit den Menschen ins Zentrum rückt, und weil dem so ist, ist man als Betrachter dem sinnlichen Energietransfer - gleichsam von Mensch zu Mensch - unmittelbar ausgesetzt. Cornelia Schleime geht den Betrachter direkt an. In ihren Bildern ist eine Kraft gespeichert, die man körperlich wahrnimmt.'  
Ein analytisch gut aufbereiteter Leitfaden durch die Seele der Kunst, lesbar aber auch wegen einer erotischen Spur, die sich durch das gesamte Buch zieht. (Westend Verlag Frankfurt, 318 Seiten, 24,99 €, ISBN 978-3-86489-063-5)

Das Mark-Rothko-Kunstzentrum im lettischen Daugavpils zeigt noch bis 10. Juli Originalwerke von Marc Chagall. Ergänzt wird die Show durch Lithos von Georges Braque, Jean Miró, Pablo Picasso, Henri Matisse und anderen bedeutenden Künstlern des letzten Jahrhunderts. 'Marc Chagall und die europäischen Avantgardisten' entstand in Zusammenarbeit mit dem Chagall Museum im weißrussischen Witebsk, dem Geburtsort des Malers.

Morgen wird unter dem Motto 'Mensch und Maschine' in Bingen am Rhein die zweite Skulpturen-Triennale eröffnet. Kuratiert wurde die Open Air Ausstellung von André Odier, Lutz Driever und Gisela Klippel; unter den ausgestellten Werken sind Arbeiten von u. a. Magdalena Abakanowicz, Rainer Kriester, Nuria Fuster, Helge Leiberg, Via Lewandowsky und Markus Lüpertz. Zu sehen ist das Ganze am Rheinufer und läuft bis zum 5. Oktober. (www.skulpturen-bingen.de

Von seinem Coveralbum 'Mit freundlichen Grüßen' erhoffte sich der schwarzbraune Haselnuss-Sänger Heino mehr Anerkennung in der Tiefe. Der von Heinos Management erhoffte Aufschrei allerdings blieb weitgehend aus, weil die gecoverten Kollegen keine Werbung für ihn machen wollten. Jetzt hat sich Jan Delay in einem Interview zu Wort gemeldet und beschrieben, wie unangenehm es ihm war, dass ein Lied seiner Band 'Absolute Beginner' sich auf dem Album wiederfand. 'Das war wirklich schlimm. Wir haben extra nichts gesagt, weil wir ihm kein Forum geben wollten. Alle sagten plötzlich: ist doch lustig, ist doch Heino. Nee, das ist ein Nazi. Das vergessen die meisten Leute wenn sie über Heino reden. Der Typ hat in Südafrika während der Apartheid in Sun City gesungen. Und sein Repertoire: Schwarzbraun ist die Haselnuss, Soldatenlieder..., es ist schrecklich wenn so jemand einen Song von dir singt.'

Sun City ist so was wie ein südafrikanisches Las Vegas. Künstler wurden dazu aufgerufen, als Protest gegen das Apartheidsregime nicht dort aufzutreten. Heino wehrt sich jetzt gegen die Vorwürfe und sagte dazu zu 'Bild': 'Ich bin in meinem Leben ja schon viel beschimpft und beleidigt worden, aber was sich dieser Herr rausnimmt ist eine Unverschämtheit.' Die ganze Sache wird jetzt juristisch untersucht - ob das den Durchbruch für das vor einiger Zeit erschienene Album wird, darf angezweifelt werden.  

Die Stimmung in unserem Land ist unverändert positiv: laut Ifo-Index gibt es  trotz der Ukraine-Krise positive Prognosen. Im April kletterte das Klimabarometer um 0,5 Punkte auf den Wert von 111,2. Das Ergebnis ergibt sich aus einer Umfrage unter  7000 bundesdeutschen Managern. Währen am kommenden Sonntag Wahlen, würde sich das Wohlfühlklima bestätigen: die Union käme auf 41%, SPD 25%, Grüne und Linke je 10%, AfD 5% und die FDP 4%. Trotz ihrer Politik der Untätigkeit hat es Angela Merkel wieder unter die vom 'Time' Magazin zusammengestellten Top 100 der einflussreichsten Menschen geschafft. Die Laudation für sie wurde von Ex Bundestrainer Jürgen Klinsmann gehalten. Na ja. Das ukrainische Krisenmissmanagement unserer Kanzlerin hat wohl in der Bewertung keinen Niederschlag gefunden. Zu allem Überfluss tritt jetzt auch noch der sonst so besonnene SPD-Außenminister Steinmeier in ein diplomatisches Fettnäpfchen. Sein Besuch (mit seinem französischen Kollegen) in Moldawien und Georgien bewirkt genau das Gegenteil. Die dort versprochene Kooperation mit der EU ist eine weitere Provokation gegen die Hegemoniebestrebungen der Russen. Nach Moskau, meine Herren. Dort wird entschieden, wie sich die Region zukünftig aufstellt. 

An der Westküste von Australien wurde Treibgut angeschwemmt. Die Hoffnungen, dass das von der verschollenen MH 370 stammen könnte, haben sich zerschlagen. Noch immer gibt es keine Spur des vor knapp 2 Monaten verschwunden Fliegers.

Abschließen wollen wir die heutige Doppelausgabe  mit der Erkenntnis von Cornelia Schleime: 'Ich habe mich der Kunst immer so hingegeben wie der Liebe. Ich habe beides als das gleiche angesehen. Es geht um Ausschließlichkeit. In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will. Das Nicht-Wollen ist die Öffnung für das Wollen. Wenn ich weiß, was mich abstößt, erkenne ich was ich begehre.' (Zitat aus ihrem Buch 'In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will'; Kerber Verlag)

Schönes Wochenende.

Michael