Michael Schultz Daily News Nr. 654

Michael Schultz Daily News Nr. 654

Köln, den 10. April 2014

Liebe Freunde,

besonders unter den Ausstellern sorgten gestern die zur Eröffnung der 'Art Cologne' gut gefüllten Ausstellungshallen für ausgelassene Stimmung und zufriedene Gesichter. Neben der rheinischen Sammlerprominenz, die so ziemlich geschlossen durch die Messehallen schlenderte, wurden vereinzelt auch Besucher aus den angrenzenden Beneluxländern gesichtet. Aber, und das ist besonders erfreulich, auch einige amerikanische Sammler fanden den Weg nach Köln. Dieser Auftrieb dürften erste Auswirkungen aus dem Zusammenschluss mit der jungen US-Messe NADA sein. Mit dem pluralistischen Gesamtangebot kann sich die Messe insgesamt sehen lassen; in der unteren Etage sind eher die abgesicherten Werte zu sehen, oben gibt es experimentierfreudige junge Kunst. Doch zwischen allem sind dann immer wieder Positionen zu sehen, die man auf einer europäischen Leitmesse eher nicht vermutet.  Nur dem geübten Messebesucher fällt das auf - Gott sei Dank.

Unsere Messepräsentation fand großes Interesse. Nicht wenige Besucher kamen gezielt zu uns, unter ihnen auch der ehemalige Tenniscrack Michael Stich und der einstige Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Michael Ballack. Beide sind in der Kunstszene keine Unbekannten; Ballack interessierte sich für unser Baselitz-Angebot und Michael Stich für die Preissituation von Gerhard Richter. Angenehme Zeitgenossen, die schon zu aktiven Zeiten weit über den Tellerrand ihrer sportlichen Betätigung hinaus schauten. Gefreut haben wir uns auch über den Besuch von SEO, die sich solche Events nicht entgehen lässt, auch wenn sie selbst nicht ausgestellt wird. Alles in allem sind wir mit dem Messeauftakt recht zufrieden, jetzt schauen wir auf die nächsten Tage und gehen voller Zuversicht in den Rest der Woche.

Die für morgen Abend angekündigte Ausstellungseröffnung von Rebecca Raue in Istanbul steht auf wackeligen Beinen. Wegen einer durch den Spediteur verursachten Schlamperei mit den Zollpapieren sind zwar die Kunstwerke in Istanbul angekommen, aber die Papiere nicht. Wenn nicht heute noch ein Wunder geschieht, dann wird es eine Eröffnung ohne Kunst geben. Ein ähnliches Malheur hatten wir vor einigen Jahren mit einer Maik Wolf-Ausstellung in Peking; damals behalfen wir uns mit Copyshopausdrucken, die anstatt der Bilder an die Wand gepinnt wurden. Hatte auch was.    

Die Situation in der Ukraine ist das beherrschende politische Thema dieser Tage. Mit der Androhung, russisches Gas nur noch gegen Vorkasse an die Ukraine zu liefern, setzt der Kreml Kiew jetzt massiv unter Druck. Russlands Präsident Putin fordert die ukrainische Übergangsregierung zu einer Lösung mit Gazprom am Verhandlungstisch auf. Der Staatskonzern hatte Rabatte gestrichen, dagegen wehrt sich die Ukraine. Die Regierung der Ukraine droht derweil russland-treuen Aktivisten in der Ostukraine mit der Härte des ukrainischen Staates. Der neue Gouverneur von Donezk kündigte eine friedliche Lösung an. Kiew und die Ukraine beschuldigen Russland, hinter den Anführern zu stecken; der ukrainische Geheimdienst hat eine junge Russin festgenommen, die im Auftrag Putins prorussische Aktivisten zu Krawallen aufstacheln sollte. Moskau hingegen bezichtigte den Westen einer antirussischen Kampagne, und  Angela Merkel hat Russland mangelnde Kooperationsbereitschaft in der Ukraine-Krise vorgeworfen. Die USA forderten konkrete Schritte von Russland noch vor den für kommende Woche angesetzten Gesprächen, und die EU hat eine Unterstützergruppe eingesetzt, die helfen soll, die Wirtschaft des Landes zu stabilisieren. Aus dem Europarat wird eindringlich vor einer militärischen Eskalation gewarnt, und man hat die internationale Gemeinschaft aufgefordert, die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine zu sichern. Mit mehr Weitsicht im Vorfeld hätte vieles verhindert werden können; so wie es jetzt aussieht, steht eine weitere Spaltung des Landes bevor.  

Rainer Brüderle hat ein Buch geschrieben: 'Jetzt rede ich' wurde gestern im Beisein von Gregor Gysi der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Um es vorneweg zu nehmen, Brüderle bietet mit seinen 'Erinnerungen' keine Grundlagen zum Nachdenken oder gar zur Diskussion an. Recht will er haben und das muss ja auch gesagt werden. Nie wollte er Parteichef werden, auch nicht Fraktionschef, und Spitzenkandidat schon gar nicht. Wen wundert es da noch, dass bei soviel Nichtwollen seine FDP den Sprung in den Bundestag verpasst hat. Womöglich wollte er das ja auch nicht. Als er zur Spitzenkandidatur gezwungen wurde, hat der 'Stern' eine Sexismus-Debatte über ihn entfacht. Ein eigenes Kapitel hat er diesem Vorfall gewidmet, in 'Von hinten erschossen: Sexismus-Skandal ohne Sexismus' bedauert Brüderle die bedrängte Journalistin als eigentliche Leidtragende. Ob er nun die Dirndltauglichkeit ihrer Brüste bewertet hat oder nicht, geht aus dem Buch nicht eindeutig hervor. Rainer Brüderle bringt sich mit der Postille nachhaltig in Erinnerung; er redet viel und sagt nichts. Und Gysi sagt dazu: 'Männer sollten auf ihre Witze aufpassen'. Irgendwie schade, dass die beiden nicht schon während ihrer aktiven Zeit zueinandergefunden haben.   

Die Bayern haben ihr Spiel gegen Manchester United  gewonnen, und ich wundere mich ein bisschen über meine Freude darüber.

Beste Grüße.

Michael