Michael Schultz Daily News Nr. 645

Michael Schultz Daily News Nr. 645

Baku, den 28. März 2014

Liebe Freunde,

Gastfreundschaft ist das höchste Gut aserbaidschanischer Lebenskultur. Diese haben wir während unseres 5tägigen Aufenthaltes tagtäglich auf höchstem Niveau erlebt. Von unseren Reiseorganisatoren gleichsam wie in den Studios der Künstler, aber auch von fremden Menschen, die uns u.a. zum Verzehr eines frisch gebackenen Lamms eingeladen haben. Nicht weil wir Fremde sind, ist das so geschehen, Gastfreundschaft und das damit verbundene Interesse am Wohlbefinden der Mitmenschen sind fester Bestandteil in Kultur und Sozialisation. Diese in einer Millionenstadt wie Baku zu erleben, ist vergleichbar, als ob man in einer europäischen Großstadt im angesagten Lokal von wildfremden Menschen zum Essen eingeladen wird. Undenkbar. 

Fundstücke zur Geschichte des Landes findet man in den westlichen Ausläufern des Kaukasus. In den Sandsteinquadern um Qobustan, südwestlich von Baku, wurden bis zu 10.000 Jahre alte Wandmalereien gefunden. In 20 Höhlen sind mehr als 6.000 Felszeichnungen aus der Steinzeit entdeckt worden. Menschen, Tiere und Jagdszenen stehen im Mittelpunkt der Darstellungen. Das gesamte Gebiet wurde im Jahre 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Im dort ansässigen Museum sind Werkzeuge, Keramiken und Waffen ausgestellt; insgesamt wird ein informativer Einblick in das Leben der Steinzeitmenschen geboten.

 
Eine Autostunde südwestlich der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku wurden in Qobustan diese Höhlenmalereien entdeckt. Die Wandbilder sind bis zu 10.000 Jahre alt. Bisher wurden 20 mit Wandbildern verzierte Höhlen entdeckt. (Foto: Christa Frieda Vogel)

Enorme Öl- und Gasvorkommen bescheren dem Land auf lange Sicht ein stattliches Einkommen. Die Gelder werden für zukunftssichernde Investitionen verwendet, vieles davon wird im Großraum Baku angelegt und dient unter anderem dem Ausbau der Tourismusinfrastruktur. Aber auch große Teile der Industrie werden durch Modernisierung für die Aufgaben der Zukunft vorbereitet. Die Menschen im Land sind eng verbunden mit der Gewinnung der Bodenschätze.  Ein langgezogener Küstenstreifen westlich von Baku ist übersäht mit hunderten von Ölpumpen. An manchen Orten stehen diese sogar inmitten von Wohnsiedlungen. Doch dass ficht dort niemand, das allgegenwärtig fließende Erdgold genießt unter der Bevölkerung Kultstatus; nicht nur für die Weiterverarbeitung ist es ein Segen, seine reinigende Kraft wird im Vollbad zum Hochgenuss. Auch soll das frischgezapfte Erdöl entspannend auf unsere Haut wirken und ihr einen unverkennbar sanften Glanz verleihen. Viele Produkte der Schönheitsindustrie werden aus ihm gewonnen. 

Die rasante Entwicklung des Landes schafft natürlich auch Begehrlichkeiten. Je selbstbewusster sich Aserbaidschan der westlichen Zivilisation zuwendet, desto argwöhnischer beobachten die Nachbarn das Geschehen. Die Ereignisse in der Ukraine sind beunruhigend, doch man hofft, dass das Hegemoniebestreben der Russen vor den Grenzen zum Land Halt macht. Die Regierung lässt durch ihr Handeln keinen Zweifel daran, dass man an einer friedlichen Koexistenz aller Länder in der Region festhält. Vorhandene Dissonanzen im besetzten Bergkarabach will man auf diplomatischer Ebene ausräumen. Das kann ein langwieriger Prozess werden, doch darauf ist man vorbereitet. 

Für uns ganz spannend war die Begegnung mit dem Maler Arif Aziz. Der 71 Jahre alte Künstler gehört zu den wichtigen und einflussreichen Kunstschaffenden im Land. Trotz seines stattlichen Alters lehrt er noch immer an der Kunstuniversität in Baku, er ist ein allseits gefragter Ratgeber für die Politik und dank seines Einflusses hat sich die Situation der Künstler seit der Unabhängigkeit Aserbaidschans von der Sowjetunion deutlich verbessert. Im ersten Akt unseres Kulturtransfers werden wir in einer Sonderausstellung seine Werke im September bei uns zeigen. In der Planung sind weitere Ausstellungen; nicht nur bei uns, auch in Baku wird künftig mehr Kunst aus Deutschland zu sehen sein.

Für uns bedauerlich ist die Entwicklung in der Türkei. Bis vor zwei Jahren prosperierte das Land und gehörte zu den gefragtesten Reisedestinationen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wurde das Interesse an der Bildenden Kunst geweckt; man schaute über den Tellerrand und öffnete sich nach allen Seiten. Heute ist die Türkei wieder dort angekommen, wo sie vor über einem Jahrzehnt stand. Präsident Erdogan spielt den gedemütigten Diktator; nachdem er vor einigen Tagen dem Kurzbotschaftendienst Twitter den Hahn abgedreht hat, ist nun seit gestern auch der Zugang zum Videoportal Youtube gesperrt. Auf beiden waren Telefonmitschnitte abrufbar, aus denen das korrupte Verhalten des Staatspräsidenten ersichtlich ist. Wegen der bevorstehenden Kommunalwahl sind die Dienste erst mal gesperrt worden. Der internationale Aufschrei interessiert ihn nicht; Erdogan geht es ausschließlich um den Erhalt seiner Macht, und dafür sind ihm alle Mittel recht. Unter diesen Umständen wird der Weg nach Europa für die Türkei immer unwahrscheinlicher. Unter den kulturellen Wirrungen des Präsidenten leiden auch die vielen künstlerischen Aktivitäten, die dem Land in den vergangen Jahren zu viel Ansehen verholfen haben. Die Szene ist ratlos, aber noch nicht mutlos.  

Über vieles aus unserem Kosmos wäre heute noch zu berichten gewesen. Wegen der Rückreise reicht die Zeit nicht aus. Dafür am Montag wieder mehr. Bis dahin wie immer die besten Grüße.

Michael 

 

 

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