Michael Schultz Daily News Nr. 643

Michael Schultz Daily News Nr. 643

Baku, den 26. März 2014

Liebe Freunde,

in Aserbaidschan findet derzeit das Frühlingsfest statt. Mit viel Musik und Tanz feiern die Menschen das Erwachen der Natur. Novruz Bayram wird das Fest genannt, übersetzt heißt das 'der neue Tag', er symbolisiert die Drehung der Erde um die Sonne, den Wechsel der Jahreszeiten und die Wiederaufnahme der Arbeit auf den Feldern. Zu früheren Zeiten wurden zum Frühlingsfest Schlachten unterbrochen, Friedensverträge unterschrieben und Gefangene ausgetauscht. Es werden Freudenfeuer entzündet, mit denen an die reinigende Kraft des Feuers erinnert wird. 

 
In der Nähe von Baku befinden sich unter der Erdoberfläche große Erdgasfelder. An verschiedenen Stellen ist der Druck des Gases so stark, dass es aus der Erde presst. Durch Blitzeinschläge wurde dieses vor tausenden von Jahren zu Feuer entfacht, und seither brennt dort die Erde. Die Freudenfeuer des Frühlingsfestes werden mit Hilfe von Fackeln aus den 'Heiligen Erdfeuern' gespeist. (Foto: Christa Frieda Vogel)

Gutes Essen gehört zum Alltag in Aserbaidschan, doch besonders zum Frühlingsfest wird in den Küchen gezaubert, um die Gäste mit erlesenen Speisen zu verwöhnen. Wichtigstes Merkmal der landesüblichen Küche dort sind die üppig mit frischen Kräutern gefüllten Schüsseln, die zur jeder Mahlzeit gereicht werden. Ohne gartenfrischen Koriander, Salbeiblätter, wilden Rucola, Dill und frische Frühlingszwiebeln geht nichts. Die Kräuter dienen als Beilage und werden mit der Hand gegessen. Dazu gibt es viel Fleisch vom Rind, vom Huhn und besonders vom Lamm; aber auch vom Hammel, vor dem man hier sprichwörtlich keinen Bammel hat. Das Hammelfleisch kommt von weit oben aus den kaukasischen Bergen, und weil sie dort in ständiger Bewegung sind, ist das Fleisch geschmacklich von dem der jüngeren Tiere kaum zu unterscheiden. Besonders schmackhaft ist das Verkochen des Hammelfleischs mit Trockenfrüchten, Kastanien und Nüssen. Die Nachspeisen sind ähnlich süß, wie wir sie aus der Türkei kennen. Sehr beliebt ist Shekebura, eine halbmondförmige Teigspeise, die in der Tradition auch als Symbol des Feuers gilt.

Doch nicht nur die Natur häutet sich zum Frühlingsbeginn. Ältere Menschen vertreiben symbolisch ihre Sorgen, indem sie einen mit Münzen gefüllten Wasserkrug ausschütten. Die jungen Frauen werfen einen Ring in ein Wasserglas und zählen, wie oft dieser im Glas anschlägt, dadurch erfahren sie, in wie vielen Jahren sie heiraten werden. Man glaubt daran, dass zum Frühlingsfest Träume erfüllt werden. Wenn nicht in diesem Jahr, dann eben im nächsten. In dieser Hinsicht ist die westliche Welt dem menschlichen Lebensraum sehr weit entrückt. Dort ordnet die Natur den Rhythmus, und ihm fügt sich der Mensch. Die sogenannte Zivilisation hingegen versucht den Herzschlag der Natur neu zu bestimmen; man entzieht sich dem Zyklus und definiert sich gerne außerhalb natürlicher Regeln. Im Sommer in den Schnee und im Winter in die Sonne ist nur ein kleines Merkmal der Verschiebung. Natürliche Lebensräume zu erforschen, gehört mittlerweile zu unserem Alltag; sie wiederherzustellen wäre bestimmt genauso erstrebenswert. In Aserbaidschan trifft man auf beide Lebensformen. Noch.

Die Nachrichtenlage zur vermissten Boeing 777 der Malaysia Airlines ist nach wie vor diffus. Zwar geht man davon aus, dass der Flieger südwestlich vom australischen Perth abgestürzt ist, doch sicher ist noch lange nichts. Der Beweis kann wegen der schlechten Wetterlage nicht geliefert werden, und solange dies nicht geschehen ist, hoffen die Hinterbliebenen weiterhin. In Peking ist die Trauer groß, doch aus der Verzweiflung wird langsam Wut. Die malaysische Botschaft in der chinesischen Hauptstadt wird mittlerweile von einer Polizeihundertschaft  geschützt. Zu hoffen bleibt, dass zum Krisenmanagement der Katastrophe erfahrene Psychologen hinzugezogen werden. Geschieht dies nicht, sind weitere Opfer nicht auszuschließen.

In der Ukraine riskiert die dortige Führung mit ihrer derzeitigen Politik einen Bürgerkrieg. 'Spiegel Online' berichtet von einem achtseitigen Dossier, das derzeit im Kanzleramt und im Außenministerium kursiert. Erstellt wurde das Dokument von der Stiftung 'Wissenschaft und Politik' und spricht davon, dass die Kiewer Führung im Osten des Landes immer mehr an Vertrauen und Einfluss verliert. Grund dafür ist u.a. die Ernennung von Oligarchen zu Gouverneuren, dadurch untergrabe die Regierung ihre eigene Glaubwürdigkeit. Auch ist man besorgt darüber, ob die für den 25. Mai angesetzte Präsidentenwahl ordnungsgemäß durchgeführt werden kann. Die chaotische Regierungsarbeit der Übergangsregierung verliert immer mehr an Zustimmung aus der Bevölkerung. Viele der ehemals verbündeten Oppositionsgruppen rivalisieren heute und erschweren die Stabilisierung des Landes und schüren damit die Angst vor einem Bürgerkrieg.

Im Berliner Olympiastadion hat der FC Bayern gestern Abend seine Ausnahmestellung im deutschen Fußball bestätigt: mit einem ungefährdeten 3:1 Sieg sicherten sich die Münchner ihre erneute Deutsche Meisterschaft. Niemals zuvor ist dies in der Geschichte der Bundesliga bereits am 27. Spieltag gelungen. Die Rekordjagd geht weiter; Langweile kehrt ein. Der gemeine deutsche Fußballfan konzentriert sich auf den Abstieg. Dort ist der Braunschweiger Eintracht mit ebenfalls 3:1 ein Achtungserfolg gegen Mainz 05 gelungen. Dank Bayern ist die Bundesliga nur noch im Keller spannend. Aber dennoch: Chapeau nach München!

In Berlin wird morgen Abend im ZAGREUS PROJEKT die Installation 'Muschelmädchen und Amorettenschmelze' von Sonja Alhäuser eröffnet. Eine Inszenierung auf Tischen, an der Wand und im Raum, in der Skulpturen und Tafelaufsätze aus Butter, Marzipan, Schokolade, Keramik, Metall und Wandmalereien gezeigt werden. 'Ein erotisch sinnliches Verweben von Figuren in Verbindung mit den Speisen, die in Anlehnung an die Rezeptur aus der Zeit der Renaissance und des Barock entstanden sind.' Um Tischreservierung wird gebeten. (Brunnenstraße 9a, 10119 Berlin, Tel: 030/28095640)

Auch eine Möglichkeit, den Frühling in unserem Leben willkommen zu heißen. Beste Grüße.

Michael